Shnorhakalut'yun, 12.7.-30.7.

Bei Bagratashen geht es über die Grenze nach Armenien. Wir werden 2 x ausführlich gefilzt. Jede noch so kleinste Schublade des Ömmels muss unter dem strengen Blick des Grenzers geöffnet werden. Visum braucht man keins, dafür aber zwei Lizenzen fürs Auto, deren Ausstellung sich als zeitaufwendig erweist. Aufpassen muss man mit türkischen Emblemen. Wir haben von anderen Reisenden gehört, dass sie erst nach dem Entfernen von türkischen Aufklebern einreisen durften. Aber irgendwann heißt es dann „ Welcome to Armenia“ und die Beschaffung einer neuen Simkarte und das Abheben von Dram (1 € = 400 AMD) erweist sich als problemlos.

Wir fahren zum Kloster Haghpat und entdecken dort einen kleinen einfachen CP in den Bergen mit toller Aussicht, auf dem wir einige Tage bleiben. Dort treffen wir auch die Österreicher aus Tiflis wieder, so wie wir immer wieder anderen Reisenden ein zweites oder auch drittes Mal begegnen, da es in diesen Reiseregionen nicht mehr allzu viele Stellplätze für Wohnmobile gibt.

Auf dem Weg an den Sewansee kaufen wir in einem lustigen Supermarkt in Wanadsor ein, der so funktioniert: Jede Einzelhändlerin hat in diesem Supermarkt ein Extra-Ständchen. Wir kaufen also Brot, Milch, Schokolade, Käse, Joghurt und Eis an verschiedenen Ständen und zahlen auch dort; was zur Folge hat, dass wir mit 6 verschiedenen Plastiktütchen, mit jeweils einem Artikel aus dem Supermarkt kommen. Und die Waren müssen auch jeweils in ein anderes Tütchen und dürfen nicht vermischt werden!

Am Sewansee stehen wir direkt am See und teilen uns den Strand mit vielen picknickenden Menschen, die sich wie immer am Wochenende draußen in der Natur treffen. Es wird wieder eine laute Nacht.

Weiter südlich in den Bergen besuchen wir den Crossway-CP mit einem Swimmingpool, der aber leider zu klein und trüb ist, als dass wir uns darin erfrischen wollten.

Seit Wochen ist die Hitze jeden Tag schwer erträglich. Trotzdem besuchen wir nach einer ziemlich abenteuerlichen Zufahrt auch das Norawank-Kloster. Aber nur kurz: Zu viele Menschen und Joschi ist zum ersten Mal nicht erwünscht. Im Westen fahren wir entlang der türkischen Grenzen und sehen von weitem den Ararat.

Wir hätten auch gerne Smbataberd gesehen, eine alte Festungsanlage, aber wir scheitern auf halbem Weg an dem immer holpriger, kleiner und enger werdenden Weg dahin, der selbst für einen kleinen Jeep eine Herausforderung ist.

Mehrere Tage stehen wir dann auf dem 3G-CP östlich von Eriwan. Als wir ankommen, grüßen uns schon die Österreicher im Pool, der hier großzügig, mit Umlaufpumpe, perfekt temperiert und herrlich erfrischend ist. Der Platz ist sehr schön angelegt und auch deshalb interessant, weil wir hier einige Menschen auf dem Weg in oder aus dem Orient kennenlernen und Informationen (für unser nächstes Abenteuer?) sammeln.

Mit den Rädern fahren wir zum Kloster Geghard. Auf dem Weg dahin winken die Menschen uns zu und lachen uns an und wir bekommen auch ein paar Kirschen geschenkt. Am Kloster herrscht Hochbetrieb. Es ist Samstag und Millionen Menschen hatten anscheinend die gleiche Idee. Das Kloster liegt in der Nähe von Jerewan und so sind neben Tourist:innen auch viele Familien für einen schönen Tagesausflug hier; außerdem wurde in der Kapelle ein Paar getraut.

Am 24. Juli ist in Armenien das Wasserfest. Wir sind zwar seit einigen Tagen ziemlich erkältet, was uns jedoch nicht davon abhält, mit dem Taxi nach Jerewan zu fahren. Joschi muss zu Hause bleiben, weil er dafür einfach zu wasserscheu ist. Am Platz der Republik steigen wir aus und werden gleich aus einem fahrenden Auto heraus mit Wasser bespritzt. Auf dem Platz mischt die Polizei mit Wasserwerfern kräftig mit. Fast alle Menschen in der ganzen Stadt sind mit Eimern oder Wasserpistolen bewaffnet und wir bleiben nicht lange trocken. Am besten hält man sich dicht an den Häuserwänden oder mitten auf der Straße, denn auch aus den Fenstern und Balkonen wird Wasser geschüttet. Klaus ist sehr auf der Hut und wird öfter verschont, während ich nach ein paar Stunden fast nass bis auf die Haut bin und wir mit dem Taxi wieder den Rückzug antreten. (12 Euro für 35 km)

Nachdem wir am nächsten Tag noch mit dem Fahrrad den Tempel von Garni besichtigen fahren wir tags darauf weiter. Der Platz war wirklich super schön, ein kleines Paradies. Sandra und Mati sind die perfekten Gastgebenden. Wir konnten mal wieder richtig entspannen und unsere Erkältung (oder war es gar Corona?) auskurieren.

Nachdem wir auf der Weiterreise einmal in Aschtarak Halt machen und dann das kleine Kloster in Saghmosavan besuchen, stellen wir uns abends mitten auf ein Feld in der Nähe von Melikgyugh. Die Landschaft ist sanft bergig mit blühenden Wiesen und weidenden Kuh- und Schafherden. Überall werden die Wiesen gemäht, manchmal mit dem Mähdrescher, oft sieht man die Menschen aber auch mit einer Sichel in der Hand arbeiten. Das Heu wird zu  Ballen verarbeitet oder mit der Hand zu großen Haufen aufgeschichtet. Alte russische Lastwagen transportieren es ab, immer so voll beladen, dass wir uns wundern, wie die Konstruktion halten kann.

Wir steigen in dem kleinen Ort vorbei am Friedhof hinauf auf einen Hügel zum Memorial für den 2. Weltkrieg. Auf dem Weg dahin steigt eine kleine Gruppe für ein Picknick aus einem uralten Bus und lädt uns – wie so oft – zum Essen ein.

Bevor wir zurück nach Georgien fahren, gönnen wir uns noch ein paar Tage in Haghpat. In Haghpat gibt es nur zwei klitzekleine Lädchen, die aber keine Milch haben. Also telefoniert die Ladenbesitzerin kurzerhand mit einer Mitarbeiterin im gegenüberliegenden Rathaus, welche sich auf den Weg macht, um 1 Liter frische Milch, direkt von der Kuh, für mich zu besorgen. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht.

 

Armenien ist ein wunderbares Reiseland und hat uns extrem gut gefallen. Wie in der Türkei sind die Leute äußerst liebenswürdig, hilfsbereit, offen und ehrlich. Niemals wurden wir irgendwo übers Ohr gehauen. Im Gegenteil: Oft bekamen wir beim Straßenkauf noch etwas dazu geschenkt. Die Menschen gaben uns Kirschen und Aprikosen – aus dem Auto heraus, über den Gartenzaun, beim Vorbeigehen. Wir waren überall willkommen und wurden immer mit einem Lächeln und Winken gegrüßt.

Die Landschaft ist sehr vielseitig und wunderschön. Von kargen Berghängen und kilometerweiter steppenartiger Vegetation, über Bäche, Flüsse, Felder zu saftigen blumenreichen Wiesen und grünen Wäldern. Die Landwirtschaft wird meist wie bei uns vor 50, 60 Jahren betrieben. Aprikosen gibt es in Hülle und Fülle und Wasser im Überfluss und überall kann man sich an Brunnen und Wasserhähnen bedienen. In Dörfern kann man manchmal kein Wasser kaufen, da es ja umsonst zur Verfügung steht.

In Jerewan gibt es Viertel mit extremer Armut und Leben in verfallenden Häusern neben schicken Einkaufsstraßen, die auch irgendwo in Deutschland sein könnten.

Auf dem Land wohnen die Menschen sehr einfach. Nicht schön muss es sein, sondern praktisch. Man lebt auf eigenem Grundstück mit seinen Tieren zusammen und vom eigenen Gemüse und Obst oder tauscht sich aus. Die Gebäude hält man immer mal wieder mit neuen Blechteilen zusammen und der getrocknete Dung ist ein prima Brennstoff und wird wie das Heu in jedem Garten und Hof für den harten Winter gesammelt und zu Bergen aufgeschichtet.

Die Friedhöfe sind am Dorfrand, manchmal direkt an der Straße und etwas speziell. Die verstorbenen Familien haben ihren jeweils abgegrenzten Platz mit Zäunen oder sogar Dächern. Die großen Grabsteine haben sehr häufig verblüffend scharfe Bildnisse der Verstorbenen eingraviert.

Das Verkehrssystem ist vielschichtig. Es gibt kleine alte (Linien-)Busse und wenig Schienennetz. Radfahrende sind Exoten. Die Straßen sind teils super ausgebaut, teils nur Schotterpisten. Es kommt immer wieder vor, dass wir uns auf einem vierspurigen „Highway“ befinden und die Straße sich plötzlich in einen Rumpeldipumpel-Weg mit riesigen Schlaglöchern verwandelt, wobei man die richtig tiefen Schlaglöcher aber immerhin durch einen hineingestellten Reifen kennzeichnet. Die Autofahrenden fahren zügig aber doch eher rücksichtsvoll.

Im ganzen Land gibt es nur sehr wenige Stellplätze und nur drei Campingplätze, was kein Problem ist, da man sich überall frei hinstellen kann.

Kühe stehen oder laufen ständig auf der Straße und die Autos fahren drumrum. Sie sind alleine unterwegs, während die Schafe meist in größeren Herden mit einem Hirten vorbeiziehen. Es gibt wie in all den südlichen Ländern viele Streunerhunde. Wenn Hunde gehalten werden, dann meist als Wachhund und selten als Haustier. Auf dem Land sieht man viele Tauben, da es in Armenien eine große Tradition von Taubenzüchtern gibt.

Sprachlich waren wir komplett überfordert. Armenisch ist mit der indogermanischen Sprache verwandt und klingt wie klingonisch oder alle Sprachen der Welt zusammengewürfelt. Es gibt keinerlei Bezüge zu irgendwelchen Internationalismen, die Laute sind sehr eigen und das Erlernen ist wohl ungeheuer schwierig. Das einzige Wort, das wir gelernt haben, war: „schnorhakalutchun“ für „danke“.

Armenien ist ein Land mit Charme für Entdeckerinnen und Entdecker und hat uns so gut gefallen, dass wir bestimmt nicht das letzte Mal hier waren. Shnorhakalut‘yun Armenien!

 

Da eine Weiterreise in den Iran leider weiterhin nicht möglich ist, geht es dann wieder nach Georgien und dann in die Türkei. (Ihr hört dann erst wieder in Griechenland von uns, da unsere Seite in der Türkei gesperrt ist.)

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Kommentare: 1
  • #1

    HANS (Donnerstag, 04 August 2022 12:13)

    Hallo Ihr Beiden,
    tolle Eindrücke
    Bleibt gesund
    LG Hans