Nach einem freundlichen „Welcome to Kazakhstan“ sind wir nun also wörtlich übersetzt im „Land der Kasachen“. „stan“ heißt soviel wie Land, Ort oder Heimat und mit ihren Landesnamen halten es ebenso die Nachbarländer, kurz die „Stan-Länder“.
Durch das Wolgadelta immer noch ziemlich sumpfig und daher fliegenreich, empfängt uns eine weite Steppenlandschaft. Schnurgerade zieht sich die teils gut ausgebaute, teils holprige und schlaglochträchtige Straße dahin über eine gänzlich flache Ebene. Im Schnitt fahren wir vielleicht 50 km/h und auch hier müssen wir gewaltig aufpassen, ob nicht eine versteckte Polizeistreife auf die Gelegenheit wartet, sich etwas dazuzuverdienen. Stoppschilder und Geschwindigkeitsbegrenzungen sind strikt einzuhalten.
Einmal werden wir über ein Stoppschild gewunken und hinterher zur Kasse gebeten. Zwei andere Overlander sind ebenfalls in die Falle getappt und nun heißt es Nerven bewahren und zäh verhandeln. Es wird uns eröffnet, dass das Überfahren des Stoppschildes normalerweise 450 € Strafe kostet und gefragt, wieviel wir denn bezahlen könnten. Es wird gefeilscht wie auf dem Basar und letzten Endes schaffen wir es, unseren Weg ohne Geldverlust fortzusetzen.
Da die Grenze bei Beineu bis in den Herbst hinein gesperrt ist, müssen wir den Umweg über Aqtöbe in Kauf nehmen. Ziel ist Almaty, von wo aus wir in die Nationalparks im Osten möchten, und es liegen nun ca. 3000 km bis dahin vor uns.
Nach einer ersten Nacht am See fahren wir durch die eintönige Steppenlandschaft, selten unterbrochen von kleinen Ortschaften, die alle gleich aussehen.
Manchmal grasen Kamele entlang des Wegs oder queren die Straße; Kamel- und Pferdeatrappen machen die Autofahrenden auf die Gefahr aufmerksam. Riesige Kuh- und Schafherden „grasen“ alleine oder mit Hirten auf der trockenen Steppe. Schier nicht enden wollende Güterzüge fahren entlang unserer Strecke. Wir kommen an Ölförderungsanlagen vorbei und an Friedhöfen, in denen jede/r sein eigenes Mausoleum zu haben scheint.
Die kleinen Ansiedlungen unterscheiden sich nicht sehr von denen in Russland. Sind die Häuschen auch noch so klein, sind sie doch immer mit einem Zaun mit meist mächtigen Toren geschützt. Blau scheint eine Lieblingsfarbe zu sein und beherrscht oftmals Dächer und Zäune.
In dem riesigen Land Kasachstan (7,2 mal so groß wie Deutschland!) leben nur ca. 20 Mio Menschen, so dass man sich die unglaublichen Weiten vorstellen kann. Kasachinnen und Kasachen haben bereits ein anderes Aussehen, da die Mehrheit der Bevölkerung turkmenischer und mongolischer Abstammung sind. Früher zogen viele von ihnen als Nomaden durch das Land und wohnten in ihren Jurten, die mit ihnen zogen. Heute leben Familien auf dem Land nur noch selten in Jurten, bieten diese aber gerne Tourist:innen als Unterkunft an.
Die Versorgung mit dem Notwendigsten wie Brot, Milch, Gemüse und Obst gestaltet sich auf der langen Fahrt durch Kasachstan manchmal ziemlich kompliziert. Es gibt in den Ortschaften zwar kleine Miniläden, diese jedoch zu finden, ist jedes Mal eine Challenge. Kyrillisch lesen habe ich mir zwar angeeignet, aber was nutzt das ohne entsprechende Beschilderung? Zudem sind die kleinen Lädchen rätselhafterweise in den Ortschaften manchmal wie in einem Labyrinth versteckt und nur die Einheimischen wissen, wo sie zu finden sind. Sie nach dem Weg zu fragen, ist aber auch nicht ganz einfach, da selbst ein „Market“ nicht verstanden wird. Wir sind dann dazu übergegangen, eine Zwiebel oder eine Tomate zu zeigen. Das hat geholfen. Verhungert sind wir auf jeden Fall nicht.
Auf dem Weg nach Aqtobe machen wir an einem kleinen See halt. Auch eine Herde Pferde rastet dort und kreiert dadurch eine ganz besondere Atmosphäre. Drei Kasachen gesellen sich mit ihrer Dombra dazu, eines zweisaitigen traditionellen Musikinstruments. Leider wird die Kommunikation durch zu viel Wodka immer schwieriger, so dass wir die Situation irgendwann auflösen, indem wir uns auf einen Sparziergang zu der Pferdeherde machen.
Aqtobe liegt nahe der russischen Grenze mit fast 600.000 Menschen, die zum großen Teil auch heute noch in den Wohnkomplexen aus sowjetischer Zeit wohnen. Wir stehen an der Nikolaus Kathedrale. Wie in Russland, scheinen die Menschen auch in Kasachstan, wenn, dann auch richtig gläubig zu sein. Beim Kommen und Verlassen wird sich vor der Kirche verbeugt und geknickst und beim Verlassen gehen die Menschen dazu auch manchmal rückwärts. Kopftücher und angemessene Kleidung sind beim Betreten vorgeschrieben.
Im Park ist anscheinend jeden Abend Happening mit Lichtershow, Wasserspielen und Fahrgeschäften. Auch für die erwachsenen Kasachinnen und Kasachen darf es gerne bunt, glitzernd und disneylandmäßig sein.
Weiter geht’s Richtung Osten. 1000 km sind geschafft, 2000 liegen noch vor uns. Die Landschaft wird ab und an ein klein wenig hügeliger, aber immer noch sehr eintönig.
Wir stehen am fast nicht mehr vorhandenen Aralsee in Aralsk, einst ein Fischerdorf mit Hafen. Heute ist das versalzende Wasser 20 km entfernt. Der Aralsee war einst der größte Binnensee der Erde. Durch Wasserentnahme der Zuflüsse für die Landwirtschaft und speziell den Baumwollanbau und klimatische Bedingungen hat er heute nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Wassermenge und ist in mehrere Teile zerfallen. Seit sich nationale und internationale Projekte mit der Rettung des nördlichen Teils beschäftigen, konnte sich dessen Wassergehalt schon etwas erholen und man hofft, dass diese Entwicklung weitergeht. Das kleine Museum zeigt die Geschichte des Sees und ehemaligen Fischerdorfes.
Morgens und abends wird in den Ortschaften der eigentlich schon saubere Boden gefegt und von eventuell neuem Unrat befreit. Kasachstan ist ein sehr sauberes Land – zumindest in den Städten.
In Baikonur hätten wir gerne den Weltraumbahnhof besucht, aber konnten die strengen Kontrollen nicht überwinden. Von diesem Kosmodrom, das seit 1994 an die Russen verpachtet ist, starten immer noch die meisten Weltraumflüge.
Jede Ortschaft in Kasachstan passiert man durch ein Eingangstor. Und diese Ortschaften ähneln einander und den russischen sehr. Es ist sauber, die Straßen sind frei von Müll, die Anwesen ziehen sich entlang der Hauptstraße und Läden muss man immer suchen.
Die nächste größere Stadt ist Türkistan. Wir stehen bestens mit zwei anderen Reisenden am Rande des Parks. Das Mausoleum von Khoja Ahmed Yasawi wurde Ende des 14 Jhdts errichtet und ist mit seiner herrlich blauen Kuppel wunderschön. Das Weltkulturerbe zieht Pilger aus ganz Zentralasien an.
Am Abend essen wir in der Kantina und vergnügen uns danach im Park mit seinen bunten Wasserspielen und köstlichstem Softeis.
Auch in Türkistan ziehen sich kilometerlange Fahrradwege durch die Stadt, auf denen wir aber keine Fahrradfahrenden entdeckt haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und immer ist alles pickobello und mit überaus gepflegten Rasenflächen.
So langsam kommen auch endlich mal wieder Berge und Hügel in Sicht und erfreuen das landschaftlich gelangweilte Auge.
Das Mausoleum von Aisha Bibi im gleichnamigen Ort wurde für die Geliebte des Emir von Taras im 11. oder 12 Jhdt errichtet. Der Ort wird seit dem Mittelalter verehrt und auch heute kommen noch Frauen mit Kinderwunsch, um im Mausoleum zu beten und frisch Vermählte lassen sich ihre Verbindung von den verstorbenen Liebenden segnen. Auch bei unserem Besuch war das Mausoleum frequentiert.
In Taras stehen wir an der Mall, wo früh morgens die Putzkolonnen wieder fleißig die letzten Stäube entfernen und für ein sauberes Erscheinungsbild sorgen.
Und endlich dann Almaty! Die größte Metropole Kasachstans (über 2 Mio Einw) und frühere Hauptstadt liegt in den Ausläufern des Berges Trans-Ili Alatau und von hier aus gelangt man in die Nationalparks Altyn Emel und Charyn. Wir stehen wieder praktisch und zentral an einer Einkaufs-Mall, besuchen den berühmten Green Bazar und das Wahrzeichen der Stadt, die Christi-Himmelfahrt-Kathedrale, (sind aber immer noch nicht konvertiert).
Im Green Bazar gibt es nichts, was es nicht gibt. Die Auswahl an Kleidung, Assessoires, Haushalts- und Wohnartikeln und Lebensmittel scheint unerschöpflich. Ob der mittlerweile großen Hitze erstehen wir für ein paar Euro drei Vans, die uns die Temperaturen erleichtern sollen, und an der Wursttheke gibt’s getrocknete Filets. Die Fleischtheken sind unterteilt in Rind, Schwein, Geflügel, Pferd und Kamel und die Obst- und Gemüseauswahl ist riesig und frisch.
Nachdem wir Wäsche gewaschen, noch dies und das besorgt und unsere Vorräte fürs Outback aufgefüllt haben, starten wir nach zwei Tagen wieder den Theowald.
Es geht Richtung Altin Emel Nationalpark. Am Kaptschagai-Stausee sind die Strandabschnitte von Platzwächtern okkupiert und man bezahlt stundenweise fürs Parken oder Übernachten. Da es (natürlich) wieder Wochenende ist und alle almatynischen Familien heute auch zum See wollen, ziehen wir einen ruhigen Übernachtungsplatz abseits vom See vor. Wenns bergab geht, gibt es jetzt sehr häufig Notausfahrten für LKWs, falls die Bremsen versagen – Abfahrten einfach ein Stück aufwärts.
In Bashi angekommen, stellen wir uns ein paar Tage auf das Caravansarei Campsite, besorgen uns Tickets für den Park und reparieren den Dachgepäckträger. Der ist nicht gut verankert und drückt ins Autodach und jetzt ist auch noch ein Tragewinkel gebrochen. Ein Mitarbeiter des CP schneidet uns neue Stützen; der Gepäckträger bekommt eine breitere Auflagefläche und wird besser verschraubt. So müsste das Ganze halten.
Bashi ist ein winzigkleiner Ort mit umzäunten kleinen Häuschen. Auf der „Straße begegnet man netten Menschen, spielenden Kindern und spazierengehenden Eselchen. Zwei mini-mini-Lädchen gibt es, in einem bekommt man Eis und Getränke, im anderen etwas Gemüse, Konserven und Brot.
Im Visitorcenter des Altyn-Emel-Parks besorgen wir uns ein Ticket für einige Tage und machen uns dann auf Schotter- und Wellblechpiste zuerst zur „Singenden Düne“.
Am Parkeingang wird penibel jeder Besuch handschriftlich in einem großen Buch vermerkt, erst dann geht die Schranke auf. An der Düne angekommen, machen wir uns gleich an den beschwerlichen Aufstieg, um auf der Spitze der Düne den Sonnenuntergang mit seinem faszinierenden Wechselspiel der Farben zu genießen. Singen haben wir die Düne nicht wirklich gehört, aber beim Runterrutschen ein beeindruckendes dröhnendes Geräusch, das den gesamten Sandberg erfasst.
Am nächsten Tag fahren wir am 700 Jahre alten Baum vorbei. Während wir dort spazieren gehen, den Baum bewundern und Fotos machen, zerreißt ein knarzendes Geräusch die Stille, das mit einem lauten Rumms am Ende die Erde beben lässt. Ein baumstammgroßer Ast ist herabgestürzt. Zum Glück standen wir nicht direkt darunter, aber Joschi hat sich so erschrocken, dass er das Weite gesucht hat und erst nach einer halben Stunde wieder aufgekreuzt ist.
An diesem Platz haben wir auch sehr viele Fledermäuse beobachtet, die aus einer Baumhöhle über uns geflogen kamen und neben uns auf dem Boden gelandet und schnell hinter einen Zaun gekrabbelt sind. Das Verhalten konnten wir uns leider nicht erklären und bleibt bis heute ein Rätsel.
Weiter geht die Rüttelfahrt durch den Altyn Emel mit 10 km/h bis zu den Aktau Mountains und dann wieder auf den CP in Bashi zurück.
Hier wird nach dem Holterdipolter wieder repariert. Auch die hintere Aufhängung der Staubox hat sich gelockert und wird mit einer zusätzlichen Schiene gesichert. Die Schotter-, Schlagloch- und Wellblechpisten setzen Theowald halt doch ganz schön zu.
Frisch verschraubt geht’s weiter durch die Provinz Almaty zum Charyn Canyon. Hier hat sich der Fluss Charyn tief ins Gestein gewaschen und einen 12 Millionen Jahre alten Canyon geschaffen, der fast mit dem Grand Canyon vergleichbar ist. Er ist zwar kleiner, aber ähnlich bizarr geformt. Der Canyon ist Anziehungspunkt hunderter Besucher:innen jeden Tag. Ist aber trotzdem schön und die Menge verteilt sich gut. Am Ende des Canyons stößt man auf den Charyn, der aber so eine starke Strömung hat, dass er nur oberflächlich zur Abkühlung taugt.
Bevor wir Kasachstan verlassen, finden wir weiter südlich eine super schöne Stelle am Charyn River und verbringen da noch zwei Tage, bevor uns Bauarbeiter mit Baggern verscheuchen. Aber wir wollten sowieso fahren.
Die letzten Wochen ist es ziemlich heiß geworden – bis 39°. Auch die Tiere suchen Schatten. Und so kommen wir immer wieder an Bushaltestellen vorbei, wo Pferde, Kühe oder Schafe nicht auf den nächsten Bus warten, sondern den Unterstand als einzig verfügbares sonnenfreies Plätzchen in Beschlag nehmen.
Kegen ist dann der letzte kasachische Ort, in dem wir unsere Tiefkühlbox nochmal mit dem köstlichen kasachischen Eis füllen und dann geht’s an die Grenze zu Kirgistan. Doch von Kirgistan beim nächste Mal.

























































































































































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Ronja (Dienstag, 05 August 2025 23:58)
Ach, das ist echt stark, was ihr so erlebt. Allein die vielen Tiere, denen ihr in diesem Blogartikel begegnet seid: von Kamel bis Fledermaus! Mein Kopf ist schon nach dem Lesen so voll und ich kann mir kaum vorstellen, wie ihr diese vielen Eindrücke verarbeitet. Danke, dass ihr uns in so schönen Worten und Bildern mit auf Reisen nehmt. So kann ich es mir richtig gut vorstellen.
Machts euch schön und bleibt gesund! Liebe Grüße aus Berlin von Ronja