Eine halbe Stunde brauchen wir, um von Kasachstan nach Kirgisistan einzureisen und werden wieder freundlich begrüßt.
Kirgisistan oder Kirgistan (beide Bezeichnungen sind korrekt) hat ca. 5,5 Millionen Einwohner und grenzt im Norden an Kasachstan, im Süden an Tadschikistan, im Westen an Usbekistan und im Osten an China.
Die Landschaft empfängt uns in einem herrlich satten frischen Grün mit sanften Hügeln und wir steuern als erstes Karakol an. Hier im Riverside Guesthouse bei Andre haben wir wieder einiges zu erledigen. Andre ist Niederländer und vor elf Jahren hier in Karakol hängengeblieben. Er hat sich das Guesthouse alleine gebaut, sich eine kirgischische Frau angelacht und schon drei Jungs in die Welt gesetzt.
Karakol war Mitte des 19. Jhdts neben Buchara und Samarkand wichtigster Handelsplatz an der Seidenstraße. Heute beherbergt er knapp 70 tsd zum Teil aus Kasachstan, Russland und China eingewanderte Menschen.
Wir genießen die Dusche, waschen Wäsche und kümmern uns um Theowald. Die nächste Staubox bekommt mit Andres Hilfe eine vernünftige Befestigung, außerdem stehen Öl- und Filterwechsel an.
Gemüse und Obst bekommen wir an den Straßenständen, den Rest im Supermarkt. Und wir besichtigen die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit, die einst für die Kosaken errichtet wurde.
Mülltrennung gibt es hier auch und die Haushalte sammeln ihren Müll, der dann einmal in der Woche abgeholt wird. Fast wie bei uns.
In zwei Tagen ist alles erledigt und wir machen uns wieder auf den Weg. Nächstes Ziel sind die „Seven Bulls“, eine Felsformation auf dem Weg zum Bergsee Yssykköl. Auf einem Wiesenplateau mit herrlichem Panorama verbringen wir dort ein paar Tage.
Am Yssyköl finden wir einen tollen Platz am Strand und bleiben auch hier ein paar Tage. Gesellschaft leisten uns einige Kirgisinnen und Kirgisen und Stella und Manuel mit ihrer Madame Zeta, ein wunderschön ausgebautes altes Feuerwehrauto. Kurz lernen wir auch Alina und Chris kennen, die open end unterwegs sind. Die Sonne scheint, das Wasser lädt zum Baden ein und Proviant haben wir genug dabei. Herrliche Tage hier an einem fantastischen Strand, in netter Nachbarschaft und mit einem tollen Blick auf die den See umgebenden Viertausender!
Auf unserer Weiterfahrt am Südufer des Sees kommen wir am Skazka-Canyon vorbei. Ein eher kleiner, 5 km langer Canyon, und da er nicht weit von der Straße entfernt beginnt, ist er von großem touristischen Interesse. Dementsprechend teilen wir uns bei schönem Wetter die Wanderung mit vielen anderen durch eine Schlucht mit einem wechselnden Farbenspiel und bizarren Lehmformationen. Aufgrund seiner mystischen Anmutung wird er deshalb auch die „Märchenschlucht“ genannt.
Die Straße, die sich weiter im Süden des Yssyköl entlangzieht, ist eine einzige Baustelle. Einige Kilometer bereits geglätteter Fahrbahn wechseln sich immer ab mit einigen Kilometern Schlaglöcher pur und Wellblechpiste. Auch auf der Seeseite wird fleißig gebaut, Hotelanlagen, kleine Unterkünfte und Yurten-Camps entstehen und es wird deutlich, dass hier touristische Infrastruktur geschaffen werden soll und man sich für diese Region eine wirtschaftliche Zukunft durch ausländische und inländische Besuche erhofft. Wir sind gespannt wie es in 5, 10 Jahren hier aussehen wird.
In Bokonbayavo gibt es wieder einen größeren Supermarkt, in dem wir unsere Lebensmittelvorräte auffüllen und eine Wasserstelle finden wir auch.
Am Westufer angelangt, gesellen wir uns nochmal zu einigen badenden Familien, schätzen das fehlende Geruckel und Gerumpel und erholen die durchgerüttelten Glieder.
Der Markt in Rybachye scheint DER Markt für getrockneten Fisch zu sein, wir fahren aber ohne Fisch und statt dessen mit leckeren Aprikosen und Kurut weiter. Kurut sind kleine getrocknete Kügelchen, die aus Quark und Salz bestehen. Sie werden auch als kirgisische Raffaelo bezeichnet und sind in Kirgisistan als Snack heißbegehrt. Wir werden aber keine Fans davon und selbst Joschi spuckt sie wieder aus. Von Raffaelo also keine Spur.
Auf der Fahrt in die Hauptstadt kommen wir an einer weiteren spannenden Geschichte vorbei: Das Dorf Bergtal, später umbenannt in „Rot Front“, wurde von deutschstämmigen Auswanderern 1927 gegründet. Im 18. Jhdt hatte Katharina die Große schon etliche deutsche Mennoniten mit Gebietsübertragungen zur Kultivierung nach Russland gelockt. 1927 zogen 25 Familien weiter nach Kirgisistan und gründeten das Dorf Bergtal. In den 80er und 90er Jahren gingen viele als Spätaussiedler nach Deutschland zurück und Kirgisinnen und Kirgisen zogen in die leeren Häuser, so dass der Deutschanteil nur noch bei 20 % lag. Seit einigen Jahren kommen aber auch wieder Deutsche zurück, die die geruhsame und friedliche Gemeinschaft des Dorfes schätzen.
Es gibt das Gerücht, dass die „deutschen“ Grundstücke am gemähten Rasen zu erkennen seien . Auf jeden Fall aber sind die Deutschstämmigen an ihren rotblonden Haaren unzweifelhaft zu erkennen. Statt eines Schnitzelhauses gab es leider nur ein „Burgerhouse“. Fast alle Einwohner sind Selbstversorger und betreiben Landwirtschaft. Wir hatten Glück und bekamen eine sehr interessante Führung im Museum, wo uns eine nette deutschstämmige Frau sehr ausführlich alles über die Geschichte des Dorfes und eine der letzten deutschen Gemeinschaft in Zentralasien erzählte.
Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, statten wir nur einen kurzen Besuch ab. Hier treffen hochmoderne Wohngebäude auf alte halbverfallende Wellblechunterkünfte. Der Autoverkehr ist enorm und man kommt nur langsam voran. Falsch Parken ist keine gute Idee. Hierfür wird auf Schildern nicht nur mit Abschleppen, sondern zusätzlich mit Demolieren und LuftausdenReifenlassen gedroht. Da verstehen die Autofahrenden in Bishkek also überhaupt keinen Spaß. Außer Parkproblemen gibt es aber auch hier – wie fast überall in Kirgisistan – große, angelegte und gepflegte Parks. Fast jede Grünfläche wird bewässert und die Straßen werden saubergehalten. Stadtschlendern, Einkaufszentrum, Essen gehen und schon geht’s weiter. Etwas außerhalb pumpen und filtern wir aus einem öffentlichen Brunnen noch genügend Wasser für unser nächstes Ziel.
Ab dem Abzweig zum Songköl wird die Piste wieder zur Herausforderung und eine weiterer Übernachtungshalt an einem herrlich grünen Bachlauf wird notwendig. Unser Theowald ächzt und stöhnt und wir mit ihm. Zweimal müssen wir Luft aus den Reifen lassen. Ganz selten begegnen uns Reisende auf dem Fahrrad – die wahren Heldinnen und Helden des Abenteuers.
Die unfassbare Schönheit der Berg- und Talszenerien versöhnt uns mit den 40 km, für die wir über vier Stunden gebraucht haben.
Der Bergsee Songköl, oder Song Kul, breitet sich auf einer Höhe von 3000 m mit einer atemberaubenden Landschaft vor uns aus.
Um den See herum liegt eine grüne sanft hügelige Steppe, auf der große Herden Pferde, Kühe und Schafe weiden. Im Sommer ziehen hierher die Nomaden mit ihren Tieren, die sich sichtlich wohlfühlen. Die Familien leben in ihren Jurten und einige bieten auch Jurten für Touris an oder Ausritte mit den Pferden. Zu jeder Jurte oder mehreren Jurten gehört obligatorisch und in sicherer Entfernung ein kleines Holz- oder Wellblechhüttchen mit Donnerbalken für stille Bedürfnisse. Außerdem gibt es eine kleine Waschgelegenheit.
Wir lassen uns für einige Tage auf der nördlichen Seite nieder, auf der es noch recht ursprünglich zugeht. Auf der Südseite des Sees werden in riesigen Camps 10, 15 oder mehr Jurten zur Übernachtung angeboten.
Wir stehen mitten in dieser außergewöhnlichen Lebenswelt und genießen die Atmosphäre und das friedliche Miteinander von Mensch und Tier. Die Herden werden gemächlich von Hirten auf Pferden geführt und die Kleinen versuchen das mit ihren Eseln, viele Tiere sind auch alleine unterwegs. Ich glaube, mehr Freiheit für Nutztiere kann es nicht geben.
Hier auf der Hochebene des Tienchan wachsen auf den alpinen Wiesen noch zahlreiche blühende Kräuter und unzählige Edelweis. Und drumherum eine faszinierende Bergwelt mit immer weißen Spitzen. Morgens erwachen wir durch Geschabe und Gewackel, wenn die Kühe es lieben, sich am Theowald die Nacht aus dem Fell zu reiben. Bachstelzen sagen durch das Dachfenster Guten Morgen und abends verwandelt die untergehende Sonne alles in warmglühende Farben.
Aber irgendwann müssen wir ja weiter. Und so verlassen wir nach ein paar Tagen auf der Westseite den Songköl und fahren durch das dortige Gebirge.
Da hier in Kirgisistan der Müll der Haushalte von der Müllabfuhr abgeholt wird, ist es schwierig, öffentliche Müllcontainer zu finden und wir schleppen manchmal zwei oder drei Abfalltüten mit uns herum, bevor wir sie wieder loswerden.
Da hier im Gebirge die Menschen nur für den Eigenbedarf Brot backen, sind wir gezwungen, dasselbe zu tun. Aber es klappt ja, nur manchmal wird das frischgebackene Brot nicht schnell genug abgekühlt, dann muss Klaus nachhelfen.
Nach einem Navistreich und einer Planungskorrektur fahren wir wieder ein Stück zurück, um einen anderen Weg durch die Region Naryn zu nehmen. Immer auf einer Höhe zwischen 2000 und 3000 m gehts nochmal am Songköl vorbei und über den Kohlebergbau in Karakeche, Chaek, die Holterdipolter-Piste über den Tashbolot Canyon bis Kyzyl-Oi und dann weiter durch die Region Jalal Abad.
Wir stehen am Fluss Naryn, bekommen für ein Messerausleihen eine Melone geschenkt und füllen unseren Wassertank mit Flusswasser auf. Immer wieder werden wir freundlich von den Menschen begrüßt, die interessiert sind, woher wir kommen. In Kyzyl-Oi testen wir eine Hängebrücke auf ihre Festigkeit.
Kinder winken am Straßenrand und bekommen manchmal einen Stift oder ein Lesezeichen geschenkt. Am liebsten haben sie Schokolade, aber die ist leider auch bei uns Mangelware.
Unterwegs geht’s oft nur 10, 15 kmh voran und zweimal heißt es Luft ablassen. Die Pisten sind wieder dementsprechend und oft versperren Bergabbrüche den Weg und müssen umfahren werden. Der Weg ist wirklich auf langen Strecken äußerst beschwerlich und verlangt Mensch, Hund und Fahrzeug einiges ab. Zu den katastrophalen Wegen haben uns vorbeifahrende Autos und LKWs zusätzlich oft genug die Sicht geraubt. Aber die Landschaft ist grandios. Grüne Wiesen, gelbe Felder, schroffe Felswände und weiche Berghänge wie Samt in den verschiedensten Farben, immer wieder sanft durchzogen von Flüssen und Bächen, dann wieder Serpentinen, die uns die Berge hinauf in schwindelnde Höhen und hinunter in die grünen Bergtäler führen. Das alles hat die Anstrengung wettgemacht.
Mit der Abendsonne kommen wir auf einem Plateau bei Taran Bazar an und genießen die Aussicht über die überwältigende Landschaft. Wir sind immer wieder sprachlos und sehr dankbar, welche Schönheit der Natur wir erleben dürfen.
Es geht weiter Richtung Dschalal Abad. Die Landschaft wird wieder grüner, auf den Feldern wird die Ernte eingeholt und das Heu geschichtet. Die Straße wird gewässert, damit sie nicht so staubt und wir sind mal wieder auf der Suche nach Brot.
In Kirgisistan scheinen die Zäune und besonders die Tore noch wichtiger als in Kasachstan. Jeder versucht ein schöneres Tor als die Nachbarn zu haben, wobei das Tor auch immer höher als der Zaun und manchmal überdacht ist. Und in der Not geht das Tor auch mal ohne Zaun, aber ohne Tor geht nicht.
Am Bazar-Korgon-Reservoir wollten wir uns ob der hohen Temperaturen etwas erfrischen. Leider aber ist der See so flach, dass man nach einem 1-km-Marsch ins Wasser immer noch nur bis zu den Knöcheln im gar nicht kühlen Nass steht. Das focht viele Familien und deren Kinder aber nicht an. Uns war der Weg zu weit und der Ertrag zu gering und so begnügten wir uns mit der Zuschauendenrolle.
Stromtrassen werden hier einfach mit längernen Ästen verlegt. Scheint auch zu halten.
Wir lernten außerdem, dass für Kühe Melonen so etwas sind wie für uns Gummibärchen oder Schokolade. Wassermelonen sind zur Zeit DAS Obst der Saison und sie werden stapelweise an jeder Ecke angeboten. Um die Reste streiten sich dann die Kühe.
In Osh, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, angekommen, stehen wir ziemlich unschön am TES-Hotel. Aber wir können mal wieder Wäsche waschen und ausgiebig duschen.
Osh soll 3000 Jahre alt sein und war einst Kreuzungspunkt großer Karawanenwege an der Seidenstraße. Wir finden es aber nicht so wahnsinnig interessant und fahren nach unseren Erledigungen weiter auf den legendären Pamir Highway.
Mit einer Menge LKWs geht’s hoch und runter durch die Region Alai und über den 3.615 m hohen Taldyk-Pass. Die Luft wird dünn zum Atmen, aber wir haben uns, außer mal etwas Kopfschmerzen am Morgen, mittlerweile schon ganz gut an die Höhen angepasst.
Wie wir es nicht anders erwartet haben, sind die „Straßen“ wieder eine Herausforderung, aber die Landschaft macht es wett.
Bei Sary Tash biegen wir zum Peak Lenin und erreichen in der Dunkelheit endlich den Tulpar Kol, einen wunderschönen Bergsee südlich von Sary-Mogul. Das Plateau liegt auf 3500 m Höhe. Der Tulpar Kol liegt ein paar Kilometer vom Base Camp zum Peak Lenin entfernt. Wir verbringen ein paar Tage am See im Beisein von Kühen, Pferden und einer Herde Yaks. Einige Jurten-Camps bieten Unterkunft und Essen an und so verköstigen wir uns abends im Tulpar-Camp mit Salat, Reisgericht mit Yak und Melone.
Zum alljährlichen Festival am Base Camp wandern wir einige Kilometer durch die grüne, mit Bergbächen durchsetzte Landschaft und stöbern immer wieder Murmeltiere auf, die mit ihren Vogellauten ihre Gemeinschaft auf uns Störenfriede aufmerksam machen.
Am Base Camp gibt es Pferderennen und artistische Darbietungen auf Pferden und einige kleine Stände, an denen Kirgisinnen ihre gefilzten Handwerksarbeiten, wie Teppiche, Handtaschen und Bezüge darbieten. Dann geht es ca. 4 km wieder zurück zu unserem Standplatz am See und zum Abendessen.
Der Gipfel des schneebedeckten Peak Lenin mit seinen 7134 m Höhe ist Sehnsuchtsziel mancher Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Und so lernen wir Loic und Niklas kennen, zwei Schweitzer aus der Nähe von Lausanne, mit denen wir abends zusammensitzen und viel über die Welt des Bergsteigens erfahren. Loic ist Bergführer von Beruf und Niklas studiert und erklettert ebenfalls von klein auf die Schweizer Berge. Am Basis Camp herrscht Hochbetrieb und oftmals Stau am Berg durch zu viele Möchtegernbergsteiger, weshalb sich unsere Beiden nur zu zweit auf einer verlasseneren Route – und ohne Sauerstoff! - in den nächsten Tagen zur Gipfelerstürmung aufmachen. Wir drücken fest die Daumen und bleiben in Kontakt.
Wieder über Samyr Mogul und Samyr Tasch, weiter auf dem Pamir M41, fahren wir Richtung tadschikische Grenze. Zuerst jedoch werden wir freundlich und schnell an der kirgischen verabschiedet, um dann 20 km durchs Niemandsland und über den mehr als 4200 m hohen Kyzyl Pass zu fahren. Der Weg, wie angekündigt, wieder eine kleine Katastrophe. Oben gibt’s dann erneut einen Aufkleber und die ganze Chose wieder bergab.
Mit 5-15 kmh kommen wir dann an den tadschikischen Grenzübergang. Wir sind spät. Offiziell ist sie nur bis 18 Uhr geöffnet. Nach längerem Warten vor der Schranke erbarmen sich doch noch ein paar Grenzsoldaten und nehmen sich unserer an. Papiere werden geprüft – auch wenn wir den Eindruck haben, dass sie keiner versteht – und dann wird Theowald gecheckt. Aber nicht nach unerlaubt Mitreisenden oder verbotenen Waren, sondern man beschränkt sich auf den Küchenbereich und speziell den Kühlschrank, in dem man sich Wodka erhofft. Leider haben wir alle Alkoholika versteckt und am Ende gibt es nur eine Flasche Mineralwasser, über die sich der Grenzer aber auch sehr freut. Die hier an die Grenzstation Abgeorderten arbeiten und schlafen hier unter extrem einfachen Bedingungen auf dem Niveau von Tierställen und wir können das Bedürfnis nach Alkohol gut verstehen. Trotzdem sind alle freundlich und freuen sich, dass man ihr Land besucht.
Und was wir in Tadschikistan alles erleben, berichte ich dann das nächste Mal.











































































































































































































































































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