Tadschikistan, 27. Juli - 13. Aug

Nach der Grenzüberfahrt fahren wir weiter holterdipolter an einem nicht enden wollenden Grenzzaun zu China entlang. Dieser Zaun soll angeblich Bewegungen zwischen den beiden Ländern kontrollieren, aber vielleicht dient er Tadschikistan einfach dazu, seine Landsleute von der Auswanderung nach China abzuhalten? Auf jeden Fall ist der mit Stacheldraht bewehrte Zaun auch immer mal wieder beschädigt und scheint alles andere als unüberwindbar. Irgendwann gibt es ein großes geöffnetes Tor, das wir beschließen zu durchfahren, um endlich einen Übernachtungsplatz zu finden und nach dem Geschüttel körperlich wieder zur Ruhe zu kommen. 

 

 

Nach unbehelligter Nacht geht’s am nächsten Morgen weiter auf die Rüttelpiste. Wir sind jetzt in der autonomen Provinz Berg-Badachschan, die im Osten an China und im Süden und Westen an Afghanistan grenzt. Hier, entlang des Pamir-Highways, leben die Pamiri, eine ismailitische Volksgruppe, die mit ihren Autonomiebestrebungen immer wieder ins Kreuzfeuer der tadschikischen Zentralregierung gerät. Der geistige Führer der Pamiri ist Aga Khan, eine sehr interessante Persönlichkeit, dessen Lebenswerk humanitärer Hilfe gewidmet ist. Der schwerreiche „Imam mit dem Herz aus Gold“ verwaltet ein umfangreiches Netzwerk von internationalen Fonds und Organisationen zum Wohle aller Ismailiten, die ihn aus diesem Grunde sehr verehren und weshalb er für den tadschikischen Präsidenten Rahmon ein Dorn im Auge ist.

Der „Pamir“ ist ein Hochgebirge in Zentralasien und wird, wie Tibet, als „Dach der Welt bezeichnet. Nur sieben Prozent Tadschikistans liegen unterhalb von 1000 Metern, 70 Prozent ist Hochgebirge.

 

Wir fahren also an der chinesischen Grenze entlang auf dem sogenannten „Pamir-Highway“. Wie die Stolperpiste allerdings zu der Bezeichnung „Highway“ kam, ist uns ein Rätsel.

Bald kommen wir am Karakol vorbei, den wir jedoch rechts liegen lassen. Zwei Tramper aus Polen werden ein Stück des Weges mitgenommen und Lesezeichen und Stifte an Kinder verschenkt. Ansonsten wird die Landschaft bestaunt und mit der Dirt Road gekämpft. 

Schnaufend schaffen wir und Theowald es über den 4655 m hohen Ak Baital Pass, den höchsten Punkt der M41.

Auf diesem ersten tadschikischen Stück des Pamir sind wir stets mindestens 2500 m hoch. Ab 3500 wird das Atmen jeweils schwieriger und die Höhe macht sich außerdem an unseren Milch- und Safttüten bemerkbar, die sich so aufblähen, dass sie zu Platzen drohen. Beim Benzinkanister sieht das zum Fürchten aus. Das Frühstücksei braucht statt vier nun acht bis zehn Minuten; die Spaghetti brauchen eine halbe und die Kartoffeln eine Stunde. Aber wir haben ja Zeit …

In Murghab übernachten wir beim Guesthouse Erali. Außerdem statten wir dem OVIR-Office einen Besuch ab und lassen uns für die Durchfahrt des Landes registrieren. Dies muss innerhalb von zehn Tagen nach Eintritt erfolgen. Das GBAO-Permit für die Durchfahrt auf dem Pamir durch Berg-Badachschan konnten wir uns vor Einreise schon online besorgen.

Am nächsten Morgen besuchen wir noch den Bazar in Murghab, der uns aber ziemlich betroffen macht. Es handelt sich um eine Container-Ansiedlung unter ärmlichsten Verhältnissen. Es gibt nicht viel. Ein paar Haushalts- und Gebrauchsgegenstände, etwas Kleidung; an Gemüse Kartoffeln, Tomaten und Gurken – ein Lädchen hat im Regal eine gelbe Paprika ausgestellt. An Obst gibt es ein paar Mandarinen, Äpfel und Trauben. Ich erstehe eine Handvoll Trauben für umgerechnet 1,20 €. Wer kann sich das hier leisten? Die Menschen sind zum großen Teil Selbstversorger. Außer uns und einigen Einheimischen gab es keine Besucher. Es war sehr trostlos und wirkte wie ein verlassener und vergessener Ort.

 

In Murghab beginnt auch die exzessive Präsidentenwerbung in Tadschikistan. Emomalij Rahmon hat sein Amt seit 1994 inne, führt ein autoritäres Regime und unterbindet jede Opposition. Man sieht ihn in den Städten und Dörfern an jeder Ecke auf riesigen Plakatwänden und Wandflächen.

 

Tadschikistan ist wie die anderen Stan-Länder seit 1991 unabhängig und eine präsidiale Republik.

Es gehört zu den ärmsten Ländern der Erde, was an der Binnenlage in Zentralasien, der unwirtlichen Berglandschaft und auch noch an den Auswirkungen des Bürgerkriegs in den 90er Jahren liegt. Geldüberweisungen aus dem Ausland sind von großer Bedeutung. Der Staat setzt aber auf wirtschaftliche Beziehungen mit China und ist am Wachsen. Sowohl wirtschaftlich als auch bevölkerungsmäßig. So hat Tadschikistan eine der jüngsten und am schnellsten wachsende Bevölkerung Asiens. Neben einigen anderen Ethnien sind die Menschen in Tadschikistan zum größten Teil iranischer Abstammung und islamischen Glaubens.

Kaum haben wir Murghab hinter uns gelassen, kommen wir auch schon an die erste Kontrolle, an der wir unser OVIR vorzeigen.

 

In Alichur pumpen und filtern wir Wassernachschub in den Tank. Der Dorfbrunnen ist Wasserspender für den ganzen Ort und darüber hinaus und alle kommen zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Esel und ihren kleinen und großen Wasserkanistern.

Nach Übernachtung am Rand des Dorfes geht es weiter auf dem Pamir, der nun noch schlechter wird. Obwohl das die „Autobahn“ auch für sämtlichen Lastverkehr von und nach China ist.

Am Bulunkul machen wir wieder Pause, lassen die faszinierende Mondlandschaft auf uns wirken und schauen dem spärlichen Strom der LKWs zu, die sich an den Bergen gegenüber durch die Landschaft quälen. Die chinesischen Trucks kommen mit Waren aus dem Reich der Mitte und fahren mit Bodenschätzen aus Tadschikistan zurück.

Da wir uns jetzt meistens auf einer Höhe zwischen 3500 und 4000 m Höhe bewegen, und somit mangelnder Luftdruck herrscht, dehnt sich alles aus, was sich ausdehnen kann: Unsere Milch- und Fruchtsafttüten, der Benzinkanister für den Generator etc.. Das sieht ziemlich beängstigend aus und wir versuchen, überall etwas Luft rauszulassen, bevor sich der Inhalt selbständig machen kann. Das Frühstücksei braucht nun statt vier zehn Minuten; die Spaghetti brauchen mindestens eine halbe und die Kartoffeln eine gute Stunde. Aber wir haben ja Zeit …

Bei Dzhilanda stehen wir am Toguzbulok an einem kleinen Brückchen und werden Zeugen einer KuhmitKälbchen-Transaktion. Wir rätselten noch, ob man die aus trockenen Ästchen bestehende Brücke unfallfrei betreten kann, als vom anderen Ufer einige Tadschik:innen zwei Kühe mit ihren Kälbchen von der Weide und in Richtung Brücke führen. Die Kälbchen werden wie selbstverständlich über die Brücke getragen, die Mütter müssen die Flussüberquerung nehmen, wobei sich eine Kuh als sehr kooperativ, die andere als ziemlich widerspenstiger Freigeist erweist. Nach langem Hin und Her und gutem Zureden gelangen die offensichtlich verkauften Tiere ans andere Ufer und zur Verladung. Mit Händen und Füßen konnten wir uns mit den netten Menschen verständigen und bekamen auch noch etwas Trockenkäse geschenkt. Danach hat sich eine von uns dann doch noch über die Brücke getraut.

Weiter geht’s über den Pamir. Die Menschen sind extrem freundlich, die Kinder sind am Hopsen und Lachen, wenn wir uns mit dem dicken Theo durch die meist engen Wege der wenigen Ansiedlungen schlängeln und durch die sich ja auch alle Lastwagen quälen. Immer werden wir mit einem Hallo und einem freudigen Lächeln auf dem Gesicht begrüßt. Die Pamiris, die hier entlang der M41 siedeln, erleben wir als äußerst aufgeschlossene, offene und herzliche Menschen, die sich über jeden und jede, die hier vorbeikommen freuen und das auch zeigen. Wir staunen über die sauberen und hübsch angelegten Gärten mit ihren kleinen Häuschen, zu denen oft wunderbar einladende Baumspaliere führen.

Wir fahren bis Chorugh zum Guesthouse Pamir Lodge. Hier können wir im Garten bei einer sehr netten Familie stehen, deren Tochter in Braunschweig studiert. Von ihr erfahren wir, dass die Pamiris nicht viel von der tadschikischen Regierung und dem Präsidenten halten und ihren geistigen und politischen Anführer in Aga Khan sehen. Der Sohn wird über die Aga Khan-Stiftung bald in Kenia ein Studium beginnen.

Am Samstag ist immer Afghanenmarkt. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen und fahren mit dem Taxi morgens an die afghanische Grenze. Nach Shir Khan ist dieser der zweitgrößte afghanisch-tadschikische Markt, auf dem beide wöchentlich ihre Waren verkaufen, die auf der jeweils anderen Seite heiß begehrt sind. Es gibt Reis, Tee, Gewürze, Obst und Gemüse, Parfüm und Kosmetik, Medikamente, Kleidung, Stoffe und Haushaltsgegenstände. Die Taliban sehen in ihren Kutten so aus, wie man sie kennt und es ist amüsant zu sehen, wie sie ihre Kosmetikprodukte und Schmuck den tadschikischen Frauen anbieten und sie beraten. Woher sie die vielen Schönheits- und Haarpflegeprodukte haben, fragen wir uns. Wir kaufen bei ihnen Reis und lernen: Wenn es ums Geschäft geht, können sich Taliban Frauen gegenüber sehr zuvorkommend benehmen.

Nach drei Tagen in Chorugh und im Guesthouse mit Duschen, Wäsche und leckerem Abendessen fahren wir weiter Richtung Duschanbe.

Es geht immer noch auf dem Pamir am Pjandsch entlang und am Bartang-See wird Station gemacht. Dann führt der Weg weiter durch herausgeputzte saubere Dörfchen und an kleinen Höfen und abgeernteten Feldern mit aufgeschichteten Heubündeln vorbei. Immer am reißenden Fluss entlang geht’s auf der Rumpelpiste zwischen abbröckelnden Felshängen hindurch durch die Ausläufer des Trans-Alai. Platzende Reifen zwingen hin und wieder LKW-Fahrer, ihre Fahrt auf der Seidenstraße zu unterbrechen und wir sind froh, dass unsere Baustellenreifen so gut durchhalten.

 

Afghanistan auf der anderen Seite des Pandsch zeigt sich mit kleinen Feldern zur Selbstversorgung und dazugehörigen klitzekleinen Lehmhäusern, zu denen enge Wege entlang des Flusses führen, die nur mühsam zu erreichen sind. Wir sehen viel Armut und einfachstes Leben, aber auch schicke, neu gebaute Villen in gepflegten Anwesen mit sorgsam gepflanzten Baumreihen. Auf unserer Seite gibt es immer wieder Kontrollpunkte mit bewaffneten Soldaten und Abschnitte, die mit Zäunen und Stacheldraht die Flussseite sichern. Hinter kleinen hochgezogenen Steinmäuerchen verschanzen sich Beobachtungsposten des Militärs.

Irgendwann verlassen wir den Pandsch und machen Halt auf einer Anhöhe mit einer letzten Sicht auf Afghanistan.

Über Kulyab, Dangara und Vahdat geht es weiter westlich durch eine Baumwollregion. Rechts und links des Weges arbeiten Menschen auf den Feldern und ernten die Blüten der Pflanzen, aus deren Samenhaaren später die Naturfaser Baumwolle gewonnen wird.

Dann erreichen wir die seit zwei Jahrzehnten rasch anwachsende Hauptstadt Duschanbe mit seinen nunmehr rund einer Million Menschen, ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Tadschikistans. Auf dem Parkplatz einer Mall finden wir ein zentrumsnahes, aber wenig einladendes Plätzchen zum Stehen und bleiben nur einen Tag in der Stadt.

Bei Pandschakent stehen wir an so etwas wie einem öffentliches Bad. Man kann hier Zelte mieten und den Tag im Wasser verbringen, in dem aber fast nur Männer und Kinder baden.

In der Stadt versorgen wir uns mit Lebensmitteln, Diesel und Wasser um für die Seven Lakes gerüstet zu sein und fahren dann den Abzweig Richtung Süden.

Auf dem Weg zu den Seven Lakes machen wir am Iskanderkul Halt. Es ist Wochenende und zwei Männergesellschaften laden zum Vodkatrinken ein.

Durch das Fan-Gebirge geht es weiter Richtung Pandschakent. Jetzt in der Aprikosenzeit werden diese hier unsagbar leckeren Kerlchen immer wieder am Wegesrand verkauft. Selbst ein Obstverächter wie Klaus kann da nicht widerstehen.

 

Durch ziemlich abenteuerliches Gelände geht es an einer Goldmine vorbei, die immer noch in Betrieb scheint. Am Weg durch klitzekleine Dörfchen mit einigen Häuschen winken uns Kinder und alle sind froh, wenn unser Gefährt es unfallfrei durch die Enge schafft.

Zwischen dem zweiten und dritten See ist dann aber mit unserem Theowald Endstation.

Wir kommen an den überhängenden Steilwänden nicht mehr entlang und erwandern uns den vierten See. Das Wasser ist in allen Seen tiefblau und glasklar und gerne hätten wir uns ein Bad gegönnt, zumal die Sonne weiterhin unvermindert ihre heißen Strahlen sendet. Aber die Seen sind mehr etwas zum Gucken und ein Einstieg zum Schwimmen schwer zu finden.

 

Wieder in Pandschakent ist die Hauptstraße mit Marktständen gesäumt. Man bekommt hier alles außer einem neuen Klapphocker, den wir schon seit Wochen verzweifelt suchen, da unser alter nach mehrmaligem Flicken schon in Kirgisistan endgültig das Zeitliche gesegnet hat. Seitdem müssen wir jedes Mal mit der Ausziehleiter in die Garage, weil wir entweder zu niedrig oder Theowald zu hoch ist.

Mit dem Besuch der Seven Lakes haben wir Tadschikistan an seinen interessantesten Stellen erfahren und bereiten uns seelisch-moralisch und auch praktisch auf die Eroberung des letzten Stan-Landes vor.

Die letzten Somoni werden hier in Padschakent in Essen und Diesel getauscht und dann ruft auch schon das nunmehr nur noch 20 km entfernte Usbekistan. Bevor wir an die Grenzstation kommen, müssen wir unsere zwei Drohnen gut verstecken, denn diese sind in Usbekistan verboten und an der Grenze wird danach intensiv gefahndet. Mittlerweile gibt es sogar Stichproben in den Toiletten, in schmutziger Wäsche, im Bett und anderen Orten, die bisher tabu waren. Aber mit Verstecken sind wir ja durch unsere Ostertradition seit Jahrzehnten geschult und somit guten Mutes.

 

Schon lange vor der Grenzstation erreichen wir wieder die obligatorische LKW-Schlange, wo die armen Fahrer viele Stunden und manchmal Tage auf ihre Abfertigung warten.

Zum Glück gilt das nicht für uns als Privatfahrzeug. Wir dürfen immer vorbeifahren und so heißt es jetzt nur noch Daumendrücken an der Grenze und auf nach Usbekistan.

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