Das Baltikum, 2. - 27. Mai

Von Polen aus fährt man um die russische Enklave Kaliningrad, um ins Baltikum zu gelangen. Nach den langen Jahren sowjetischer Annektion seit 1940 erklärten sich die drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland 1990 wieder für unabhängig und wurden 2004 Mitglieder der EU. Der Währungsunion traten Estland 2011, Lettland 2014 und Litauen 2015 bei.

In der Fläche ist das Baltikum fast halb so groß wie Deutschland, hat aber nur rund 6 Mio Einwohner:innen. Es ist eine sehr flache Region, die höchste Erhebung der drei Länder ist der Suur Munamägi mit 318 m und fast die Hälfte der Länder sind mit Wald bedeckt, die meisten Baumarten sind Kiefern, Fichten und Birken. Also kann man sich vorstellen, welchen Schatz an unberührter Natur sich Reisenden bietet.

Alle drei Staaten haben Zugang zur Ostsee. Die Strände dort sind allesamt gepflegt, geschützt und zum Teil Naturschutzgebiete. Nicht das kleinste Fitzelchen Müll ist hier zu finden. Die Menschen gehen augenscheinlich achtsam mit ihrer Natur um. Bewohnte und bewirtschaftete Gebiete sind ebenfalls äußerst gepflegt. Rasen spielen augenscheinlich eine ganz besondere Rolle. Rasenmähen scheint Volkssport und Lieblingsbeschäftigung zu sein, wobei viel von kleinen Mährobotern erledigt wird. Überall laufen die Maschinchen über eine meist sowieso schon gemähte Grasfläche.

Der Verkehr ist sehr friedlich und defensiv. Keine Raser weit uns breit. Bei Zebrastreifen kann man geschlossenen Auges die Straßen überqueren. Die Menschen sind zurückhaltend, freundlich und hilfsbereit. Die Parkplätze in Städten sind fast ausschließlich kostenpflichtig, aber immer bezahlbar.

Scheinbar alle Menschen, selbst die älteren, sprechen Englisch. Zumindest so viel, dass man sich verständigen kann.

Insgesamt sind die baltischen Staaten ein Paradies für Camper. Es gibt viele ausgewiesene Picknickplätze, an denen man auch übernachten kann und gänzlich Wildstehen ist in der Regel auch kein Problem.

Und das Beste: Im gesamten Baltikum sind die Küsten- und Strandbereiche als öffentliches Eigentum geschützt. Alle Uferzonen sind für jedefrau und jedermann zugänglich. Selbst Hotels dürfen zwar ihre Liegestühle am Strand aufstellen, müssen aber alle Bereiche für Spaziergehende offenhalten. Das finden wir seeehr sympathisch!

Litauen, 2. - 6. Mai

Kaum über der Grenze bemerken wir eine Veränderung des Landschaftsbildes. Häuseransammlungen sind noch kleiner und die Besiedlung abseits der größeren Städte sehr weitläufig. Litauen hat 2,8 Mio Einwohner, wovon ein Viertel in der Hauptstadt Vilnius lebt.

Die Häuschen und Schuppen sind zunehmend mit Holzbrettern verkleidet, die Landschaft wird flacher und feuchter. Die höchste Erhebung Litauens beträgt 300 m. Die Wälder sind noch dichter. 4000 Seen soll es in Litauen geben. Insgesamt wirkt die Landschaft schon irgendwie „skandinavischer“. Die Sprache klingt schön und hat jetzt, im krassen Gegensatz zu Polen, wieder viele Vokale.

Nach einem Halt am Orija-See und einem Besuch auf dem Flohmarkt kommen wir nach Kaunas an der Memel, der zweitgrößten Stadt Litauens.

In Lioliai stehen wir an einem der vielen Seen. Wenn die Sonne erscheint, ist es herrlich; sobald sie am Himmel verschwindet, braucht man Wintermantel und Mütze oder einen gut beheizten Theowald.

In Klaipeda wollten wir übersetzen auf die Kurische Nehrung; eine besondere Dünenlandschaft und Naturschutzgebiet. Da für die nächsten Tage aber wieder eisige Winde und Regen angekündigt ist und Anfahrt, Eintritt und CP um die 200 € kosten, schien uns das nicht sinnvoll, wenn wir uns dann kaum aus dem Auto trauen.

Weiter auf der Flucht vor dem miesen Wetter fahren wir über Palanga noch mal an die Küste und machen am nächsten Tag eine Strandwanderung zur lettischen Grenze, die von beiden Ländern sehr liebevoll angelegt ist und gepflegt wird. Die Strände liegen häufig in Landschaftsschutzgebieten und sind oft sehr schön mit Holzwegen über die Dünen erreichbar und zu dieser Jahreszeit sehr sehr einsam. Kein Fitzelchen Müll ist hier an den Stränden zu finden, wie auch insgesamt im Land. Es gibt so etwas wie Sommercamps mit kleinen Ferienhäuschen; insgesamt hunderte, die wohl auch im Sommer gut besucht sind.

 

Das war es dann auch schon in Litauen. Was wir in den paar Tagen gesehen haben, hat uns gut gefallen. Die Menschen waren freundlich und hilfsbereit und wir konnten uns gut auf Englisch verständigen.  Die Landschaft ist grün und fängt langsam an zu blühen. In den Städten und auf den Dörfern ist es sehr sauber und aufgeräumt; Mülltrennung wird großgeschrieben. Parkplätze und Stellplätze für den Dicken waren kein Problem. Zum wirklichen Erkunden war es uns leider zu kalt.

Weiter auf der Küstenstraße geht es dann ins nächste baltische Land.

 

Lettland, 6. - 14. Mai

Auf der Küstenstraße kommen wir von Litauen nach Lettland. Lettland ist ungefähr so groß wie Bayern und hat 1,84 Mio Einwohner, ein Drittel davon lebt in Riga.

Die gleiche herrliche und baumreiche Landschaft wie in Litauen empfängt uns. Backsteinhäuser und kleine schnucklige Häuschen mit Holzverkleidung und Wellblechdächern auf dem Land, aber auch immer noch Plattenbauten nach sowjetischer Machart in größeren Ortschaften.

 

Gesprengte Ruinen am Strand von Liepaja sind beeindruckende Zeugen einer Festungsvergangenheit. Wind und Wasser erobern hier seit mehr als 100 Jahren die Natur zurück. Die Reste des ehemaligen Kriegshafens bietet hier gemeinsam mit der aktuell wild tosenden Ostsee eine ganz besondere Lost-Place-Atmosphäre.

Kap Kolka im Nationalpark Sliterre bildet die nördlichste Spitze Lettlands, die in die Ostsee ragt. Wir bieten der Kälte die Stirn und bleiben drei Tage, weil die Sonnenuntergänge und die Spaziergänge an diesen wildromantischen und menschenleeren Stränden fantastisch sind.

Das nächste Zipfelchen ragt in Mersrags in die Ostsee. Der Leuchtturm bleibt geschlossen, aber hier, wie fast überall an der Küste wären Spaziergänge bei schönerem Wetter ein Traum. Die Strände bieten den Besuchenden sehr oft Toiletten, Umkleidemöglichkeiten, Bänke und Picknickplätze und sind immer absolut sauber, keine Kippen, kein Papierchen und keine Plastikflaschenverschlüsse.

Der Kemeri Nationalpark beherbergt eine große Sumpf- und Moorlandschaft, außerdem sind hier Elche und Wölfe zu Hause. Leider haben wir keine gesehen. Aber wir haben das Moor auf dem beeindruckenden Holzbohlenweg entdecken können. Fehltritte sind wirklich nicht zu empfehlen, man sollte da wirklich auf den Wegen bleiben, um nicht einzusinken. Sehr schön gestaltet, um diese Landschaft erkunden zu können. Wir sind dick eingemummelt, aber es gibt ziemlich abgehärtete Lettinnen, die auch bei diesem Wetter ihre Fellsandalen spazierentragen.

Und dann kommen wir nach Riga und erkunden die Altstadt. Die Haltung in Riga zur Ukraine ist hier eindeutig und unmissverständlich. Die Straße, in der sich die russische Botschaft befindet, wurde in „Ukrainas Neatkaribas Iela“ umbenannt, was auf deutsch „Straße der Ukrainischen Unabhängigkeit“ bedeutet. Wenn der russische Botschafter bei seiner Arbeit aus dem Fenster schaut, blickt ihm das riesige Konterfei seines Präsidenten auf der gegenüberliegenden Museumsfassade entgegen. Es ist drei auf vier Meter groß und zeigt das Gesicht Putins als bedrohliche bösartige Fratze. Viele Orte in Riga zeigen ganz offen die Solidarität mit dem geschundenen Land.

Wir schlendern weiter durch die Altstadt und gehen abends in einem gemütlichen Lokal traditionell essen.

Wir stehen am Hafen und nicht weit von der Altstadt entfernt und am nächsten Tag ist ein Besuch im Museum der Lettischen Besetzung fällig. Die als „Eckhaus“ bekannte Stasizentrale erzählt die sehr eindringliche Geschichte der sowjetischen Besetzung Lettlands. Ein Geschichtsstudent geleitet uns durch die gruseligen Räume mit Verhörkammern, Zellen, Freigang und Erschießungsmauer; eine sehr bedrückende Erfahrung und durch die perfekte Führung kann man sich das damalige Grauen ansatzweise vorstellen. Alle sind hernach froh, wieder an die frische Luft zu gelangen.

Es folgt ein Gang durch die Stadt, zur Post, zum Zentralmarkt mit seinen nach Thema getrennten riesigen sieben Hallen,  und dann fahren wir wieder weiter.

 

Nicht weit von Riga entfernt besuchen wir das Ethnografische Freilichtmuseum, das das lettische Leben mit Gebäuden aus der Zeit vom späten 17. Jh bis in die 1930er Jahre zeigt, einschließlich der damaligen Waschhäuser als Vorläufer des heutigen Spa. Apropos Spa: Da es heute von morgens bis abends regnet, ist mal wieder so ein Tag, wo zuhause zu sein und einfach in der Badewanne zu liegen, eine reizvolle Vorstellung ist.

 

An der Küste fahren wir weiter durch den Regen gen Norden Richtung Estland. Wir haben die Hoffnung auf besseres Wetter noch nicht aufgegeben.

Estland, 14. - 27. Mai

Weite Birkenwälder empfangen uns auch in Estland rechts und links der Hauptverkehrsroute; unser drittes Land im Baltikum. Die estnische Sprache ist sehr vokalreich, mit vielen Doppelvokalen und Umlauten und schon ein bisschen mit dem Finnischen verwandt.

Estland hat gut 1,3 Mio Einwohner, ist etwa so groß wie die Niederlande und hat aber eine Küstenlänge von fast 4000 km mit über 2000 Inseln.

 

Wie in den anderen baltischen Staaten ist alles blitzblank sauber und der Rasenmäher, ob als Roboter oder Aufsitzmäher, ist hier noch häufiger im Einsatz und scheint ein unverzichtbares Mitglied jeder Familie zu sein. Egal, wie groß die Grundstücke sind – wenn sie nicht verlassen sind, kann auf allen Grasflächen jederzeit und überall ein Golfturnier stattfinden.

 

Unsere Fahrt geht an der Küste entlang über Kabli, Pernau und Matsi bis nach Virtsu, wo uns die Fähre auf die Insel Saaremaa bringen soll. In Kabli gibt es einen Naturlehrpfad und eine Vogelzählstation, die jedes Jahr mithilfe einer Netz-Auffang-Konstruktion eine große Zählung der Zugvögel durchführt.

Der Küstenabschnitt bei Matsi ist so schön, dass wir hier ein paar Tage den perfekten Platz im Wald genießen.

Und dann geht’s in den tiefen Schlund der Fähre.

Saaremaa ist eine wunderschöne grüne Insel. Kaum auszuhalten, hätten wir auch noch schönes Wetter. Immer noch hat uns der eiskalte Wind im Klammergriff.

Nach einem Aufenthalt am einsamen Strand in Sutu fahren wir nach Kuressaare, die einzige größere Stadt der Insel. Neben unserem Stellplatz lädt uns das ASA Hotel in sein Spa ein. Nach der Verlegung der neuen Rückfahrkamera geht’s dann genau da hin, in die Sauna und den Whirlpool zum Aufwärmen. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Im Südwesten der Insel ragt in Sääre eine lange Landzunge in die Ostsee. Wir stehen direkt am Wasser und gehen zur Spitze mit seinem Leuchtturm und am Strand spazieren. Hier scheint die estnische Weinbergschnecke ihr Revier zu haben; ich habe noch nie so viele auf einmal gesehen. Wir müssen aufpassen wohin wir treten, aber wir können versichern, dass für die Schnecke esstechnisch von uns keinerlei Gefahr ausgeht.

Es folgt der Besuch des nordwestlichen Zipfelchens der Insel bei Unda, wo wir uns erst ein bisschen verzetteln und  im dichten Pinienwald stecken bleiben, letztendlich aber wieder einen fantastischen Platz am Wasser finden. Dann gehts wieder an den Fährhafen und zurück aufs Festland.

Nun fahren wir auf schnellstem Wege in die Hauptstadt Tallin. Eine wunderschöne Stadt mit historischem Altstadtkern, aber schon um diese Jahreszeit ziemlich touristisch. Wäschewaschen, Lidl, ein Wollgeschäft mit Millionen von Garnen und eine ausführliche Stadtbesichtigung folgen.

 

In Tallinn nehmen wir dann die Fähre nach Helsinki und sind schon ganz gespannt auf Finnland.

 

Das war das Baltikum. Das Wetter war für uns eine kleine, aber permanente Herausforderung. Keine Wetter-App kam mit den Kapriolen dieses Landstriches klar. Freuten wir uns gerade über etwas Sonnenschein, war dieser in den nächsten Minuten wieder hinter Wolken verschwunden. Die Temperaturen lagen in der gesamten Zeit zwischen 0 und 15 Grad. Auch wenn die Sonne manchmal kräftig strahlte, hatten wir oft mit einem eisigen Wind zu kämpfen, den wir so noch nie erlebt hatten und der gerade am Meer natürlich nochmal heftiger war. Und so war es dem Wetter und der ständigen Flucht und Suche nach besserem geschuldet, dass wir nicht die Ruhe hatten, die baltischen Staaten ausführlicher zu erkunden. Aber einen Besuch sind die Länder auf jeden Fall wert!

Herrliche weite Natur, dünn besiedelt, strukturiert und aufgeräumt, die Menschen entspannt und der Verkehr gemächlich. Wir konnten auch mit dem dicken Theo überall freistehen und fühlten uns willkommen. Wärs nicht so kalt gewesen, hätten wir diesen drei angenehmen Reiseländern auch gerne etwas mehr Zeit gewidmet. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0