Georgien I, 20. - 26. April
Untrügliches Zeichen, dass wir wieder in Georgien sind: die Gasleitungen. Immer noch werden in Georgien die Grundstücke obligatorisch über die an den Straßenrändern installierten und für uns ganz schön abenteuerlich aussehenden Leitungskonstruktionen mit Gas versorgt. Aber es scheint ja zu funktionieren.
Die erste Nacht verbringen wir in Akhaltsikhe an der Burg und holen uns am nächsten Morgen im allersten Laden unsere Kinkali, die superleckeren georgischen Teigtaschen, Klaus das erste georgische Bier, und fahren bis Tiflis. Nach dem Besuch eines Waschsalons und dem Auffüllen Theowalds Wasservorräten fahren wir auf den Parkplatz an der Sameba-Kathedrale. Falls ihr übrigens ob der vielen Kirchen, Kathedralen, Klöster, Moscheen usw. denken solltet, wir sind plötzlich religiös geworden, so liegt das nicht an einem Gesinnungswandel, sondern daran, dass man in den meisten Ländern nicht an diesen Bauten vorbeikommt, da sie halt meist besonders prächtig sind. Hier trifft man auch immer wieder andere Overlander, neue und bereits bekannte Gesichter und Fahrzeuge, tauscht Informationen und gibt Erfahrungen weiter. Für das leibliche Wohl sorgt das kleine Restaurant um die Ecke, das von drei älteren Damen geleitet wird, die ihre Gäste mit ausgezeichneten armenischen Speisen verwöhnen, die sie im Gastraum in ihrer kleinen Küchenzeile zubereiten.
Der Plan, ein E-Visum zu ordern scheitert, da wir damit nicht von Russland nach Kasachstan ausreisen können und so beantragen wir halt das (teure) Sorglospaket: 180 Tage Gültigkeit, 90 Tage Aufenthaltsdauer und mehrmalige Ein- und Ausreise. Zwei unserer sechs Pässe wandert mit UPS auf die Reise zur Russlandagentur nach Erfurt. Leider feiert Russland gleich mehrere Feiertage hintereinander, so dass wir unsere Visa voraussichtlich erst um den 20. Mai erhalten werden. Macht nix, Armenien war so schön – dann vertreiben wir uns dort noch ein wenig die Zeit.
In der Metro kostet die Tageskarte 3 Lari, das sind ca. 1,10 €, eine Einzelfahrt ca. 30 Cent. Statt eine Karte zu kaufen, kann man aber auch einfach die Girokarte beim Ticketdrehkreuz vorhalten, der Fahrpreis wird dann automatisch abgebucht. Da können wir uns in Deutschland ein Scheibchen abschneiden.
Wir fahren zur DHL-Station, um die Zusendung der Visa zu checken, entscheiden uns dann aber für das günstigere und hier verlässlichere UPS.
Außerdem finden wir in Tiflis, oder Tiblisi, eine Mercedeswerkstatt, die uns eine neue Windschutzscheibe besorgen kann, deren Lieferung auch 3-4 Wochen dauert.
Also passt das alles zeitlich zusammen, die Scheibe wird bestellt, Joschi bekommt noch sein Sommerschnittchen, wir versorgen uns wieder mit herrlichem Puri, schlendern noch ein bisschen durch die alten Gassen und fahren nach einigen Tagen weiter in Richtung Armenien.
Armenien, 26. Apr - 21. Mai
Bei Bagratashen fahren wir über die Grenze, das Prozedere ist kurz und problemlos; wir sind wieder in einem unserer Lieblingsländer. Auf dem CP in Haghpat können wir uns davon überzeugen, dass immer noch alles so schön ist wie damals. Der Blick auf das kleine Bergdorf Akner auf der anderen Seite der Schlucht erzeugt noch dasselbe beglückende Ruhegefühl, hier ist die Zeit wohl stehengeblieben.
Nach einem Einkauf in Wanadzor fahren wir über Aschtarak zur Festung Amberd. Während die Kapelle Vahramashen liebevoll umsorgt wird, bräuchte die Festung augenscheinlich dringend etwas mehr Aufmerksamkeit, damit nicht die letzten Reste in sich zusammenfallen.
Wieder ganz im Bann der herrlichen Landschaft Armeniens machen wir ein paar Tage Rast bei Sandra auf dem 3Gs CP bei Garni. Keine Armenientraveler machen hier nicht Station und so lernen wir wieder einige nette Leute kennen, die wie wir neugierig auf die Welt sind. Duschen, Wäsche waschen und Geburtstag feiern. Am letzten Tag gesellt sich auf dem weiten Gelände noch ein Kuschelcamper zu uns.
Joschis und meine Gassirunde führt uns jeden Tag am Friedhof des Örtchens vorbei. Ich finde es schön, wie der verstorbenen Lieben hier in Armenien gedacht wird. Immer mit einem Portrait oder Ganzkörperportrait mit Lasergravur auf dem Grabstein und sehr oft frischen Blumen. Durchweg alle Friedhöfe in Armenien machen einen umsorgten und gepflegten Eindruck.
Ein paar Kilometer weiter befindet sich die Garni-Schlucht. Den Tempel hatten wir schon letztes Mal besichtigt, aber dieses Mal möchten wir noch dem bekannten Naturdenkmal der „Symphonie of Stones“ einen Besuch abstatten. An den Seiten der Schlucht befinden sich Felswände aus riesigen fünf- und sechseckigen Basaltsäulen vulkanischen Ursprungs, die wie schwebende Steine einer Orgel gleichen und deshalb auch Basaltorgel genannt wird. Wie es der Zufall will, ist schon wieder Sonntag und hunderte von Ausflüglern hatten wohl die gleiche Idee. Dennoch sind diese eigenartig bizarren Formen interessant anzusehen.
Armenien ist das Land der Aprikosen. Woher diese Frucht ursprünglich stammt ist umstritten, aber eine verbreitete Version vermutet, dass sie in Armenien ihren Ursprung hat. Auf jeden Fall ist die Aprikose wohl zwei- bis dreitausend Jahre alt und seit der Antike bekannt. „Prunus armeniaca“ ist Armeniens Nationalfrucht und Alexander der Große hat sie wohl in Armenien entdeckt und weiterverbreitet. Wie auch immer, wir sind zur falschen Zeit am richtigen Ort und in den großen Plantagen beginnen die Bäume gerade erst grün zu werden und Blätter zu gewinnen. Also diesmal keine Aprikosen und – noch trauriger - keine Kirschen!
Am Azat-Reservoir gibt es eine reiche Auswahl an herrlichen Stellplätzen. Da auch die Armenier:innen das Picknick lieben, sind die Familien heute wieder mit Kind und Kegel zum See gefahren und viele Angler fischen im trüben Wasser. Wir finden einen fantastischen Platz auf der Spitze einer Landzunge im Stausee und genießen eine wunderbare Aussicht. Das Glück währt allerdings nicht allzu lange, da am Abend wieder Gewitterwolken aufziehen und das Wetter – wie so oft – innerhalb von Minuten umschlägt. Es hagelt so stark auch große Hagelkörner, dass uns Angst und Bange um unsere Solarzellen wird. Außerdem flutet Regenwasser den Schotterweg hinunter direkt über unseren Platz, so dass wir alsbald in einem kleinen See stehen und beschließen, eine schlaflose Nacht zu vermeiden und uns weiter oberhalb eine sicherere Stelle zu suchen.
Am nächsten Tag zeugen bei der Weiterfahrt überschwemmte und schlammüberzogene Straßen und kleine Bergabbrüche noch vom Unwetter.
Auf dem Weg nach Artaschat säumen wieder einige Storchnester die Straßen und für Theowald ist mal wieder Badetag. Wir stehen mitten in Artaschat, schauen uns ein bisschen die Stadt und die Wohnblöcke a la Sowjetunion an und werden Stammkunde beim Imbiss um die Ecke. Außerdem sind die Erdbeeren reif und in der Stadt gibt’s viele Obstläden mit den leckeren süßen Früchtchen.
Nach der Besichtigung des Klosters Khor Virap stehen wir bald wieder im Schäfchenstau. Auch einige Pferde sind dabei und die Hunde und die Hirten passen auf, dass die Schäfchen keinen Quatsch machen.
Nach kleiner Rast im Crossway CP fahren wir weiter durch grüne Landschaften, kleine Dörfer mit kleinen Häuschen und Höfen und größere Ortschaften mit sowjetischem Wohnblockflair über den Vorotanpass auf 2344 m und dann alles wieder hinunter bis zum Spandaryan Reservoir.
Es ist wohl Pilze-Zeit und immer wieder werden am Straßenrand an kleinen Ständchen verschiedene Sorten von Pilzen verkauft. Hin und wieder überholen wir auch mal einen Laster, der ganze Felsbrocken transportiert.
Am Shaki Wasserfall haben sich trotz Regen (wieder mal) auch andere Tourist:innen eingefunden und einige nutzen die Kulisse für besondere Posing-Fotos. Da will auch Klaus nicht hintenanstehen.
Zorats Karer ist ein ca. 3000 Jahre altes Gräberfeld aus der Bronzezeit mit ca. 150 Megatlithen aus Basalt. Um das 3. Jhtdt vChr entstand hier eine Siedlung, für die die Felsbrocken teils als Mauer dienten. In der Mitte der im Kreis aufgestellten Megalithen befand sich ein Steinkammergrab. Eine wirklich mystische Atmosphäre umfängt uns.
Nach dem kleinen Kloster Vorotnavank und einer heißen Quelle bei Vorotan, in die wir aber wegen Überfüllung und ziemlicher Eintrübung nicht eintauchen wollen, genießen wir die weitere Fahrt durch eine absolut faszinierende Landschaft. Saftige grüne Wiesen, sanfte Hügel, schroffe Felsen, schneebedeckte Gipfel, Bergseen und unendliche Weite bezaubern uns.
Zum berühmten Kloster Tatev fährt auch eine Seilbahn, die mit 5750 Metern die längste mit einem durchgehenden Tragseil ausgestattete Pendelbahn der Welt ist. Zum Glück muss man Wochen im Voraus buchen, so dass wir keine Tickets bekamen und ich mit meiner Höhenangst nicht ausprobieren musste, ob das Seil hält.
Das Wetter ist schon seit Wochen unberechenbar. Schien eben noch die Sonne, verdunkelt sich der Himmel innerhalb von Minuten, um wenig später Sturzregen aus seinen Wolken zu entlassen. Nach Gewitter und Wolkenbruch kann aber auch genauso schnell wieder die Sonne erscheinen.
Wir tanken für 1 € den Liter, besorgen uns das leckere traditionelle Brot aus dem Tonir Backofen und weiter geht die wilde Fahrt an Goris vorbei in die Region Sjunik, die alles bisher Bestaunte in den Schatten stellt. Wir sind überwältigt von der wilden Schönheit dieser Natur. In Chndsoresk besichtigen wir in den malerischen Tälern und Hügeln die bizarren Felsformationen und Höhlenwohnungen, die noch bis in die Mitte des 20. Jhdts bewohnt waren. Ganz besondere Erwähnung muss die heldenhafte Überquerung von Joschi über die Schwingbrücke finden. Wir bewundern seinen Mut, alles mitzumachen, nur um bei uns zu sein.
Wir machen kleine Wanderungen und bewundern die Segelflüge von Schmutz- und Bartgeiern, hören abends die Kojoten heulen, werden morgens von Kühen geweckt, die sich am Theowald reiben und genießen die ganz besondere Atmosphäre von Stille und Frieden, auch wenn sich leider nur 5 km Luftlinie entfernt an der aserbaidschanischen Grenze Menschen mit Waffen gegenüberstehen und wir im Fernglas zeitweise die Schießübungen armenischer Soldaten verfolgen können.
Wie sehr wünschen wir diesem geschundenen wunderbaren Land Frieden.
Über Crossway, 3 Gs, am Vulkan Armaghan vorbei, das mittelalterliche Gräberfeld Noratus am Sewansee und über Aparan geht es dann wieder nach Georgien. Unsere Visa und unser Carnet ist im Anflug und wir hoffen, dass wir die Dokumente dann in ein paar Tagen in Tiflis bei DHL abholen können. Außerdem ist die neue Windschutzscheibe in die Werkstatt in Tiflis geliefert worden.
Wir fahren durch die dünnbesiedelte Landschaft Armeniens. Die Felder sind bestellt, die Bäume fangen an zu blühen und überall am Straßenrand wird eine Art grüner Spargel und verschiedene Arten gesammelter Pilze verkauft. In den kleinen Dörfern werden um die Grundstücke und an den Häusern die Dungfladen der Kühe zum Trocknen und späteren Verheizen aufgeschichtet. Auf der Landstraße werden wir mit riesigen Werbeplakaten zum Alkoholkonsum aufgefordert und immer wieder werden wir vom Regen überrascht. Um in einem Food-Tempel in Aparan köstlichstes georgisches Puri mit Showeinlage zu bekommen, müssen wir mit vielen anderen fast eine halbe Stunde anstehen. Zur Erheiterung und zum Entsetzen der Zuschauenden macht der Bäcker jedes Mal beim Brotteigindenofenkleben ein Fastindenofenfallen-Kunststückchen.
Am Halavar-Reservoir genießen wir nochmal die üppig grüne Landschaft, bevor wir unseren letzten Stopp in Haghpat machen, nochmal am Theowald werkeln, duschen und dann an die Grenze fahren.
Georgien, 21. - 30. Mai
Zurück in Tiflis stehen auf dem Platz an der Kathedrale noch immer einige, die auch auf Visa oder andere Unterlagen warten. Wir lassen uns im Homekitchen nochmal kulinarisch verwöhnen, schlendern nochmal durch die Stadt und besuchen den Brückenflohmarkt. Die Windschutzscheibe wird ausgetauscht und wir können unser Carnet de Passage bei DHL abholen. Aber die Lieferung der Visa verzögert sich, eine gebrochene Zahnkrone erfordert einen Besuch in der Zahnklinik und noch Dies und Das verhindern weiter unsere Reise nach Russland. Auf Einladung von Ronja gehen wir noch ins gemütliche Szenelokal „Sofia Melnikova´s in der Altstadt essen.
Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, beschließen wir einen Besuch im Vashlovani Nationalpark im Osten des Landes, nahe der aserbaidschanischen Grenze. Unterwegs treffen wir noch Mariano im Supermarkt, einen Overlander, den wir schon mehrere Jahre auf Youtube begleiten. Die Welt ist doch ganz schön klein.
Das Reservat Vashlovani wurde bereits 1935 gegründet. Eine Besonderheit sind die wilden Pistazienbäume, die angeblich während der Blüte wie Apfelbäume aussehen. Hiervon hat der Park auch seinen Namen erhalten: Vashlovani heißt so viel wie „Apfelgarten“. Nachdem wir uns eine Aufenthaltserlaubnis besorgt und den Einritt bezahlt haben, machen wir uns auf, den Park zu erkunden. Zuerst kommen wir am verlassenen Shiraki Military Airfield vorbei, in den 50er Jahren von den Sowjets errichtet und Anfang der 90er dann verlassen. Diesen Flugplatz mit unzähligen Hangars holt sich die Natur nun sukzessive wieder zurück.
Die Wege in dem Reservat sind eine Herausforderung, für Theowald und für uns. Zuerst über holprige, schlaglochübersäte Schotterpisten geht’s auf Feldwege mit ausgewaschenen Passagen und weggebrochenen Stellen, steile Erhöhungen, Schlammlöchern und ausgetrocknete Flussbetten. Auch die Astsäge kommt zum Einsatz. Wir sind von wirklicher Wildniss umgeben, ziemlich allein auf weiter Flur mit Giftschlangen, Bären, Wölfen, Gazellen und dem kaukasischen Leopard. Keinen davon haben wir – je nachdem leider oder Göttinseidank - gesichtet und nach anstrengenden Fahrten (6 Std für 40 km), aber auch einzigartigen Ausblicken über die faszinierende Landschaft bis hinüber nach Aserbaidschan, verlassen wir nach drei Tagen den Nationalpark und fahren für unsere Erledigungen wieder nach Tiflis zurück.
In Tiflis Visa eingepackt, neue Zahnkrone eingesetzt, nochmal Wäsche und Theowald gewaschen und nix wie weg in den Kaukasus und Richtung Russland. Bei Gudauri am Denkmal der 200-jährigen georgisch-russischen Freundschaft vorbei und in Stepanzminda die restlichen Lari in Rubel getauscht und noch Dollar und Rubel abgehoben, da man in den künftigen Ländern wohl nicht mehr so leicht mit Karte bezahlen kann.
Über den Kreuzpass und nach einigen Schlaglochpisten verbringen wir kurz vor der Grenze eine letzte Nacht in Georgien. Am nächsten Tag geht’s durch die letzten Tunnel und die letzten Pass-Kilometer an der LKW-Schlange und dem Autofriedhof vorbei, bis wir selbst im Stau stehen. Wie es dann an der Grenze mit unserer Reise weiterging, erfahrt ihr das nächste Mal.
Uscha Bachofer
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