Russland, 30. Mai - 3. Juni
An der russischen Grenzstation wird unser vegetatives Nervensystem einer gründlichen Prüfung unterzogen. Die Grenzbeamt:innen sind freundlich und korrekt, Theowald wird nur kurz gecheckt und dann werden wir zu einem bestimmten Schalter verwiesen. Bei diesem bekommen wir Formulare auf kyrillisch, die wir vollständig und fehlerfrei ausfüllen müssen. Der russischen Sprache nicht mächtig, führt das dazu, dass diese Formulare oft 2, 3 oder 4 mal ausgefüllt werden müssen, bevor sie die strenge Überprüfung bestehen. Clevere Putzfrauen haben dies als Marktlücke erkannt und bieten für 10 $ an, die Papiere für die Touris korrekt auszufüllen.
Hat auch bei uns prima geklappt, aber dann schlug das Damoklesschwert unbarmherzig zu: Theowald muss in den Scanner. Vorher müssen sämtliche Staukästen geleert werden, die Innereien dürfen gsd im Auto bleiben.
Wir packen also alles aus, eine/r bleibt immer bei den Sachen, eine/r versucht, Theowald in der langen Schlange der Röntgenprobanden ein Stückchen vorwärts zu schieben; so einen Meter pro Stunde. Die ganze Prozedur hat am Ende 11 Stunden gedauert; manche Touris hatten auch von 14 Stunden erzählt. Um 15 Uhr an der Grenzstation angekommen, verlassen wir diese um 2 Uhr nachts und suchen uns in der Nähe erstmal einen Schlafplatz für die restlichen Stunden. Es kann nur besser werden.
Am nächsten Morgen statten wir der Metro, die es in Russland ja gar nicht geben dürfte, einen Besuch ab. Alles an westlichen Waren gibt es hier in einem riesigen Komplex mit endlosen Regalreihen. An den Straßen werden die Helden des Sieges vor 80 Jahren geehrt und von nun an heißt es höllisch aufpassen, dass wir die Straßenverkehrsordnung immer genauesten beachten, da es ansonsten hohe Strafzahlungen gibt und auch gerne mal den ein oder anderen Hinzuverdienst für die unterbezahlten Verkehrspolizisten.
Die zweite Nacht in Tschetschenien verbringen wir in der unmittelbaren Nachbarschaft einer schwer bewaffneten Milizenbasis. An den Straßenständen werden Felle, Fellschuhe und -mützen verkauft und in Lagan stehen wir die nächste Nacht am Fluss, wo Familien abends zum Baden kommen.
Astrachan hat eine halbe Mio Einwohner:innen und liegt an der Wolga. Zu sehen sind Baustile einiger Jahrhunderte, der „kleine Kreml“ und die Dreifaltigkeitskathedrale. Da hier in der Wolgaregion knapp die Hälfte der 20 Mio Muslime leben, sind auch Moscheen weit verbreitet und der Islam ist nach der russisch-orthodoxen Kirche zweitgrößte Religionsgemeinschaft.
Eiscreme scheint ein wichtiger Vergnügungsfaktor zu sein und wird hier in kleinen Kiosken in großer Auswahl durch ein klitzekleines Fensterchen verkauft.
Am späteren Abend machen wir uns nochmal in das Lokal auf, in dem nun ein russischer Sänger sein Repertoire zum Besten gibt. Von den freundlichen Kellnerinnen werden wir bestens versorgt und nach Genuss von ausreichend Bier und Wodka gesellen auch wir uns zu den feierfreudigen Russinnen und Russen auf die Tanzfläche.
Mit ganz viel Optimismus und Pioniergeist geht’s am nächsten Tag noch aufs Postamt, um eine Karte aufzugeben – wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes. (Nachtrag: Die Karte kam tatsächlich an!)
Geplant war dann, an der Wolga, Europas längstem Strom, bis Wolgograd hochzufahren. Da aber das Mückenproblem sich in dieser Region als wirklich außergewöhnlich darstellt und uns jeden Spaß vermiesen würde, fahren wir durch die wasserreiche Region weiter Richtung kasachische Grenze. Unterwegs müssen wir noch den Wolgaarm Busan mit einer abenteuerlichen „Fähre“ überqueren. Da wir für die Pontonbrücke zu schwer sind, setzen wir mit einem seilgeführten Ponton, der von einem Lastkahn gezogen wird, über und – kommen heil an!
In Krazny Jar, dem letzten Ort vor der Grenze wollen wir noch einmal auftanken und wundern uns über die seltame Bekleidung der Tankwartin. Vielleicht ist sie Imkerin und hilft nur mal schnell aus? Schnell wird klar, dass der Grund keine Bienen sind, sondern noch mehr kleine Fliegen. Es werden zunehmend mehr und mittlerweile kann man draußen schon kaum mehr sprechen ohne Angst, einige zu verschlucken. Dieses Wolgadelta hat es in sich und unsere Entscheidung zur Weiterfahrt war wohl richtig.
In Gur’yev reihen wir uns wieder in die Autoschlange zur Grenzstation ein und machen uns auf eine längere Befragung durch Grenzoffiziere gefasst. Vielleicht sind es die Fliegen, vielleicht haben wir auch nur einfach gerade mal Glück: In einer Viertelstunde haben die ebenfalls mit Schutzkleidung bewährten Grenzbeamt:innen Theowald und unsere Papiere gecheckt und uns eine gute Weiterfahrt gewünscht.
Auch Kasachstan empfängt uns freundlich. Hier muss nur Joschi kurz begutachtet werden und dann sind wir auch schon in Nullkommanix eingereist.
Vier Tage nur sind wir durch Russland gefahren und können nichts Negatives berichten.
Die Menschen, ob auf offizieller oder privater Ebene begegneten uns stets freundlich und korrekt und ein paar herzliche und interessierte Kontakte waren auch dabei.
Wie es dann in Kasachstan weitergeht, erfahrt ihr das nächste Mal.
Uscha Bachofer
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