Zentraltunesien und der Norden, 2. - 26. Jan

In Kebili füllen wir unsere Biervorräte auf, da sich diese in der alkoholfreien Douz-Region geleert haben. Nach ausgiebiger Detektivarbeit finden wir einen Geheimraum in einem Supermarkt, wo sich tunesische Bier- und Schnapsnasen unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit den begehrten Haram-Getränken eindecken.

Bei Fatnassa haben sich ganz ulkige kleine Pyramiden aus Sand und Wind gebildet und hier gibt es auch mehrere heiße Quellen, die wir aber nicht ausprobieren. Nach dem Besuch eines alten römischen Bades und der Kasbah in Gafsa fahren wir durch die spektakuläre Berglandschaft um Sened. Olivenhaine, Tafelberge und enge Schluchten bilden ein traumhaftes Panorama.

Fahren wir durch Ortschaften, sind wir immer wieder bestürzt und traurig. Rundherum um diese türmen sich oft Müllberge und auch innerhalb der Ortschaften säumt unzähliger Plastikmüll die Straßen, in dem die Menschen leben und der für diese scheinbar unsichtbar bleibt. In allen Ortschaften und außerhalb dieser stehen immer wieder Container, die aber von der einheimischen Bevölkerung leider kaum genutzt werden. Dies ist und bleibt für uns ein absolutes, völlig unverständliches Rätsel. Kommen wir mit Einheimischen ins Gespräch und versuchen herauszufinden, warum das so ist, erhalten wir nur ein Achselzucken; das ist halt so.

Autos werden so lange gefahren bis sie gänzlich auseinanderfallen. Dann werden sie einfach am Wegesrand zurückgelassen und die Zeit tut ihr übriges.

Da, wo Landwirtschaft betrieben wird, werden die Äcker weitgehend sauber gehalten und scheinbar sorgfältig gepflegt. Jedes Olivenbäumchen wird mit einem kleinen Sandwall vor Bodenerosion geschützt. Tunesien ist zweitgrößter Exporteur von Bio-Produkten in Afrika und drittgrößter Hersteller von Bio-Olivenöl weltweit.

 

Auf der Fahrt von Kebili bis an die Westküste heftet sich wieder die Garde National an unsere Fersen, oder Reifen. Das immergleiche Procedere: Unsere Ausweise werden fotografiert und sie möchten wissen, woher wir kommen und was unser nächstes Ziel ist. Auch in den entlegensten Gebieten werden wir aufgespürt und manchmal aus tiefster Einsamkeit heraus zum nächsten Ort eskortiert. Der Kontakt ist immer außerordentlich höflich und freundlich und uns wird versichert, dass dies nur zu unserer Sicherheit geschieht. Aber ein bisschen nervig ist es schon.

Über Regueb fahren wir nach El Jem.

In El Jem steht das drittgrößte römische Amphietheater der Welt (wobei sie sich – je nach Quelle – diesen Titel anscheinend auch mit Verona, Karthago und Pozzuoli teilen). Es wurde nicht von den Römern, sondern von den Einwohnern der Stadt Thydrus aus über 4 m dicken Dünensandsteinen erbaut. Diese waren durch Olivenhandel zu großem Reichtum gekommen. Kurz nach Fertigstellung um 238 n.Chr. bot es bis zu 35.000 Zuschauenden Platz, um gleich darauf wieder von römischen Garnisonen zum Teil zerstört zu werden. Viele Jahrhunderte stand der Bau dann verwaist und erfuhr in Kämpfen immer wieder Beschädigungen. Zuletzt diente es zum Teil als Baumaterial für die Neuerrichtung des Ortes El Jem, bis die Reste Ende des 19. Jhdt endlich behördlichen Schutz erlangten. Seit 1979 ist das Amphietheater Weltkulturerbe.

 

Bevor wir weiterfahren, entdecken wir im Ort noch eine Bäckerei, die Tabouna-Brot herstellt, das Brot der Phönizier. Diese Tradition des Backens geht bis ins 8. Jhdt. v.Chr. zurück. Tabouna ist der Name des Ofens und der Teig des Brotes besteht aus Mehl, Zucker, Salz, Hefe und Olivenöl und gart an den Innenwänden des Tonofens. Das Tabouna-Brot ist absolut köstlich und wir genießen es am liebsten noch warm einfach nur mit Olivenöl.

 

Wir fahren wieder an die Küste in den Ort Salakta und stehen dort an der Strandpromenade. Salakta ist ein Ferienort für die Einheimischen und der kilometerlange Strand ist gesäumt mit Ferienhäuschen, die nun verwaist am Straßenrand stehen. Nur ein einziger Fastfood-Stand in der ganzen Stadt mit 3.500 Einwohner:innen bietet uns die Möglichkeit, nicht kochen zu müssen. Der Muezzin dieses Ortes fasziniert mit einer fantastischen Gesangsstimme und Melodie, nur Joschi weiß die Gabe nicht zu schätzen. Muezzin-Gesänge lehnt er grundsätzlich ab und verzieht sich dabei immer unter den Tisch.

Etwas weiter südlich treffen wir uns ein letztes Mal mit Elke und Walter und verbringen noch einen schönen Abend gemütlich am Strand mit Lagerfeuer. Unsere Reifen sehen danach natürlich wieder nach Frankfurter Kranz aus.  

Nochmal in den Hafen von Salakta und dann geht’s weiter in den Norden zum letzten Abschnitt in Tunesien.

Die nächste interessante Stadt ist Kairouan, Qairawan, Kairuan oder Qairawän mit seinen 120.000 Einwohner:innen - in Tunesien haben die Orte oft mehrere mögliche Schreibweisen. Kairouan, die „Heilige Stadt“ und Wiege des Islam, zog nach ihrer Gründung um 670 viele Muslime an und entwickelte sich zu einem Zentrum islamischer Gelehrsamkeit. Nach Mekka, Medina und Jerusalem gilt sie heute als viertwichtigste Stadt des Islam und 7 Besuche hier entsprechen für die Gläubigen einer Fahrt nach Mekka.

Von der Polizei gleich wieder einkassiert, werden wir zu einem „sicheren“ Platz eskortiert, neben einem Luxushotel, in einer vermüllten Straße, aber wenigstens direkt im Zentrum.

Die Medinas sind am Abend oder in der Nacht in fast jeder Stadt ein bisschen schaurige Orte. Verlassen, einsam und in geheimnisvolles Licht getaucht, sind wir jedes Mal überrascht, in welches pralle, bunte, lebendige Treiben sich die Gassen am Tage verwandeln.

Bars, oder das, was wir unter Kneipen verstehen, sind in Tunesien in jeder Stadt reine Männerorte. Ob am Tage oder in der Nacht – hier sitzen die Männer und trinken ihren Tee. Öffentliche Orte für Frauen blieben uns bisher verborgen – treffen sie sich nur privat?

Am nächsten Vormittag ist ein Besuch der Kasbah Pflichtprogramm. Als Ungläubige dürfen wir nur den Vorhof der beeindruckenden Stätte, aber nicht die Moschee selbst betreten, haben aber einen guten Blick von außen ins Innere. In der Medina gibt es noch einige interessante Gebäude zu bestaunen und auf dem Markt wühlen Tunesierinnen und Tunesier in den ausrangierten Kleiderbergen aus Deutschland.

Durch eine immer grüner werdende Landschaft fahren wir weiter nach Teboursouk und besuchen die archäologische Stätte und Weltkulturerbe Dougga aus dem 4. Jhdt.  Dougga ist eine der prachtvollsten römischen Ruinenstädte Nordafrikas. Das Amphietheater und der Tempel sind gut erhalten und zu unserer Freude kommt bei unserem Besuch sogar ganz kurz die Sonne durch.

Leider hat uns dieselbe schon seit einigen Tagen verlassen und es ist regnerisch und ganz schön kalt. Aufgrund mangelnden Sonnenscheins müssen wir auch in den nächsten Tagen immer mal wieder unseren Generator anwerfen, damit wir es zumindest im Theowald schön gemütlich haben.

Wie so oft können wir uns in Teboursouk nicht einfach einen Schlafplatz suchen, sondern werden auf den Parkplatz der Polizeistation verwiesen. Da eine Fähnchenleine uns den Weg darauf versperrt, muss ich auf den Theowald klettern und diese hochhalten, um drunter durchzukommen. Und alles mal wieder im Regen.

Wasser brauchen wir auch und dazu machen wir uns auf den Weg zu einem Brunnen. Da sich die Erde überall in Matsch verwandelt hat, sehen wir hinterher auch entsprechend aus.

Nächster Stopp ist Cap Angela, der nördlichste Punkt Afrikas. Das Meer ist rauh, die Brise steif und Theowald sieht wieder wie ein Dreckspatz aus.

Hier im Norden ist die Landwirtschaft zusammen mit der Fischerei die größte Arbeitgeberin und stellt rund 50 % der Arbeitsplätze. Die Natur ist grün und saftig, die Felder sind sorgfältig beackert und fast frei vom üblichen Müll.

Nach kurzem Aufenthalt in Bizerte und um Tunis herum geht es auf der Autobahn – wo alle Autos kreuz und quer fahren und auch mal gerne parken – zum Zipfel von Cap Bon. Wie auch schon die letzten Tage bei schönstem Regenwetter. Teilweise sind Straßen mittlerweile überflutet und auf den Feldern und in manchen Ortsteilen steht das Wasser. Am vermüllten Strand von Sidi Reis finden wir ein einigermaßen „sauberes“ Plätzchen und bleiben dann weiter ums Cap herum einige Tage am sehr schönen Plage Hammam Laghzez mit seinem Schiffswrack, am Plage Mansourah und in Kelibia mit seiner Festung. Zwei Tage kämpfen wir hier mit Überschwemmungen und einer schlaflosen Nacht, weil der Starkregen so prasselt und die Sturmböen dermaßen am Theowald zerren, dass Josch vor Angst wieder Zuflucht bei uns im Bett sucht. Früh müssen wir nach ebendieser Nacht die Flucht ergreifen, da wir vom stürmischen Meer auf der einen und von vom Land hereinflutenden Wasser auf der anderen Seite immer tiefer im Wasser zu versinken drohen.

Tunesien hatten wir eigentlich eher mit Sandalen, T-Shirt und Sonnenbrand assoziiert, stattdessen laufen wir mit Gummistiefeln und kälte-, wind- und regenresistenter Kleidung durch die Gegend. Zwei Nächte bleiben wir oben an der Festung in Kelibia und machen dem Wasser unten eine lange Nase.

Irgendwann trauen wir uns aber wieder runter von der Burg und fahren weiter ums Kap Bon. Nass ist es immer noch, aber nutzt ja nix.

Tunesier:innen lieben Fenchel, millionenfach von Transportern auf die Märkte geliefert und der IKEA ist ganz anders als bei uns.

Kurz vor Tunis kaufen wir dann noch direkt in der Ölmühle unser Lieblings-Olivenöl Al Jazira und dann geht’s ab in die Hauptstadt.

Tunis ist eine der ältesten Städte am Mittelmeer. Mit seinem Umland schätzt man heute die Einwohnerzahl auf bis 2,4 Mio. Die Metropole boomt und scheint modern und wirkt außerhalb der Altstadt auf den ersten Blick fast wie jede andere westliche Großstadt. Zwei Nächte stehen wir hier auf dem perfekten Parkplatz mitten in der Stadt, fußläufig zur Medina, bis wir am 26. Januar dann endgültig Tunesien via Fähre nach Palermo verlassen wollen.

Bereits am Nachmittag müssen wir uns in die Endlosschlange des Fährhafens einreihen. Bis es auf die „Spirit“ von GNV geht, werden wir nochmal heftig auf Nervenstärke geprüft. Immer wieder kontrollieren Jugendliche und junge Männer, ob bei uns auch wirklich alle Türen und Klappen verschlossen sind und einige versuchen, sich unter Theowald irgendwie ans Fahrzeug zu heften, um unerkannt auf die Fähre und damit irgendwann ins gelobte Europa zu gelangen. Innerhalb des Fährterminals werden sie dann immer wieder von der Polizei herausgefischt und in der Minna davongefahren. Nach Mitternacht ist der Spuk dann endlich dadurch vorbei, dass wir auf die Fähre fahren können, die dann kurz nach zwei Uhr morgens endlich ablegt. Noch nirgends auf unseren gesamten Reisen sind wir und unser Auto so sorgfältig bei Abfahrt und Ankunft überprüft und kontrolliert worden; Meloni hat hier wohl ganze Arbeit geleistet.

Was bleibt:

Ein warmes Gefühl der Erinnerung. Tunesien hat uns super gut gefallen. Wenn auch landschaftlich nicht ganz so reizvoll und spektakulär wie Marokko und oft getrübt wegen des vielen Mülls, hat uns das Land besonders durch seine Menschen eingenommen. Wir hatten immer wieder sehr herzliche Kontakte und stießen überall auf ein freundliches Willkommen, gute Laune, Ehrlichkeit und Interesse. Und wenn wir so oft gefragt wurden, wie wir Tunesien finden, ging immer ein Strahlen auf den Gesichtern an, wenn wir sagten, wie gut uns ihr Land gefällt. Diese Bescheidenheit und Warmherzigkeit werden wir vielleicht ein wenig vermissen.

(Auf der Fahrt durch Italien gibts nicht viel zu berichten und so sehen wir uns in Griechenland wieder ;)