Türkei von Tasucu bis Türkgözü, 5. - 20. April
Morgens kommen wir mit der Fähre wieder in Tasucu an und stehen erstmal zwei Stunden an den Schaltern für die Einreise. Nächstes Ziel ist Konya. Osman hat sich um die Teile für die Kupplung gekümmert und vermittelt uns in eine gute Werkstatt. Es ist Samstag, die Kupplung wird noch ausgebaut und dann stehen wir den ganzen Sonntag vor der Werkstatt im wunderschönen Otomotivi-Bezirk. Hier reihen sich kilometerlang Autowerkstätten an Autowerkstätten; wir sind im LKW-Bereich und heute am Sonntag ist Ruhetag. Ein Wurf Kangale, die hier zwischen Reifenbergen leben, gehören einmal dringend gebadet, denn nach einigen Streicheleien sehen Klaus‘ Hände aus, als wäre er mal wieder unterm Auto gelegen. Montags geht’s dann weiter: die Kupplungsscheibe wird neu belegt, Nehmer repariert, Ventile eingestellt und Öl gewechselt.
Am Nachmittag fahren wir mit dem jetzt schnurrenden Theowald weiter in die Vulkanregion Karapinar und kommen abends beim Meke Krater Gölü an.
Der Meke-Maar-See entstand vor Millionen von Jahren durch einen Vulkanausbruch und füllte sich im Laufe der Zeit mit Wasser. Der Vulkankegel in der Mitte des Sees entstand durch einen zweiten Vulkanausbruch. Früher ein Pausenstopp für Zugvögel und Heimat für Flamingos beherbergt der See heute nur noch eine Pfütze an Wasser.
Am nächsten Vormittag machen wir uns bei Sonnenschein an den Aufstieg zum Rand des inneren Kraters und lassen uns von der einzigartigen Landschaft faszinieren.
Kurz nach Iskenderun machen wir Halt am Strand von Buyukdere. Das Wetter ist immer noch stürmisch und die Brandung stark. Noch lange ist kein Badewetter.
An der Küste entlang fahren wir durch eine felsige Berglandschaft und stoßen auf einen 30 km langen Fahrradweg, der sich bis Samandag hinzieht. Ein Fahrrad ist uns aber nicht begegnet.
Gesehen haben wir dann aber in Samadag die Besikli Magara und den Titus-Tunnel.
Bei der Besikli-Höhle handelt es sich um ein Felsengrab, deren 12 Steingräber durch Säulen und Bögen miteinander verbunden sind. Beides ist wohl um das 1. Jhdt entstanden.
Nach einer Stärkung mit frisch gepresstem Orangensaft wagen wir uns dann in den Titus-Tüneli. Dieser ist 1.400 m lang und 7 m hoch und wurde nach dem Sohn des römischen Kaisers Vespasian benannt. Er sollte die Stadt vor Überflutungen aus den Bergen schützen.
Es folgte eine ziemlich bedrückende Fahrt in der Region Hatay. Hatay gehört erst seit 1939 zur Türkei und war davor immer ein von vielen Ethnien bewohntes und umkämpftes Gebiet. Syrien beansprucht es bis heute. Wir fahren in Hatay von Samadag bis Gaziantep. Auch nach zwei Jahren stehen die Ruinen und die Trümmer des Erdbebens 2023 noch immer in den Städten und Dörfern. Der Wiederaufbau ist zwar im Gange und es sind auch schon große Neubausiedlungen entstanden, aber noch längst haben nicht alle Menschen, die ihr Zuhause verloren, wieder ein neues gefunden. Es gibt noch immer sehr große Zelt- und Containerstätten, in denen die Bewohner:innen auf einen Neuanfang warten. Sehr viele Häuser stehen immer noch stark beschädigt und unbewohnbar. Die Stadt Antakya hat es besonders schwer getroffen. Hier wurde die Altstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten zum großen Teil zerstört und die touristische Infrastruktur ist erst langsam wieder im Aufbau begriffen.
Betroffen und traurig fahren wir weiter bis nach Sanliurfa, der Stadt der Propheten. Der meistbesuchte Ort Sanliurfas ist der Baliklisee, in dem Abrahams Feuer angeblich zu Wasser wurde. In dem See befinden sich tausende Karpfen, die für die Menschen heilig sind und von ihnen stets gefüttert werden. Bestimmt leiden die Karpfen an Übergewicht.
Auch den Basar und ein Einkaufszentrum können wir von unserem Stellplatz am Rand der Altstadt aus perfekt zu Fuß erreichen.
12 km von Sanliurfa entfernt, besuchen wir eine Region, die Teil der ersten menschlichen Besiedlung war: den Hügel Göbeklitepe. Hier wurde bei Ausgrabungen der älteste bekannte Tempel der Welt freigelegt, dessen Entstehung auf 10.000 vChr zurückgeht. Dieser Ort aus der Jungsteinzeit gilt mit seinen bis 6 m hohen T-förmigen Säulen als das größte und älteste religiöse Zentrum der Welt und wurde übrigens von dem deutschen Archäologen Klaus Schmidt entdeckt. Im Museum erfahren wir, dass von dieser fruchtbaren Region die Entstehung der Bedeutung des Halbmondes ausgeht, einer Ausdehnung des Gebiets in Form einer Mondsichel, die sich in einem weiten Bogen vom Persischen Golf bis nach Palästina erstreckt.
Die Schrägseilbrücke Nissibi bringt uns über den Atatürk-Stausee und den Euphrat und auf der anderen Seite finden wir einen tollen Platz mit fantastischer Aussicht über einem Canyon gelegen.
Weiter geht’s durch die faszinierende Landschaft und auf der Straße immer wieder an Menschen vorbei, die mit ihren Tieren spazieren gehen. Nachdem wir uns die letzten 20 km dann nur noch steil nach oben schrauben, wird’s richtig kalt. Wir sind auf dem Nemrud Dagi, auf dessen Gipfel wir die Freilegungen einer heiligen Stätte aus vorchristlicher Zeit besichtigen. Im Schnee kämpfen wir uns auf 21500 m Höhe zu den Götterstatuen.
Joschi hätte gerne noch etwas länger das herrliche Wetter genossen, aber die Aufsicht bittet uns bald, die Rückfahrt anzutreten, da die Straße dann wegen des Schneefalls gesperrt wird.
Am Abend kommen wir in Mardin an, der Stadt der millionen Seifen, wo wir am Rande der Altstadt einen Stellplatz finden. Wir spazieren durch die kurdisch dominierte Stadt, die nur etwa 20 km von der syrischen Grenze entfernt liegt und lassen auf der Post unser HGS-Guthaben überprüfen. Es stellt sich heraus, dass es auf mittlerweile 7 Lira geschrumpft ist und somit keine Autobahnfahrt mehr möglich gewesen wäre. Glück gehabt!
In Midyat stehen wir an der alten Stadtmauer. Nachdem uns morgens eine Herde Kühe begrüßt hat, folgen wir den engen Gassen und besichtigen auch hier die historische Altstadt mit seinen traditionellen Steinhäusern, dem berühmten Gästehaus und einen Teil der unterirdischen Stadt.
Mardin und Midyat zählen zu den am ältesten besiedelten Regionen, deren Spuren bis ins 3. Jtd vChr zurückreichen.
Nach einem Schafherde-Stau auf der Landstraße und nicht weit von Midyat entfernt, kommen wir im Kloster Mor Gabriel aus dem 3. Jhdt nChr an, eines der ältesten christlichen Klöster in der Welt und einem der bedeutendsten der syrisch-orthodoxen Kirche. Das aktive Kloster, in dem heute ein Bischof, Mönche, Nonnen und Schüler wohnen, liegt seit Jahrzehnten im Rechtsstreit mit der türkischen Regierung, die dessen Existenz nicht gerne sieht und immer wieder bedroht.
Die Landschaft hier in Ostanatolien ist unerwartet abwechslungsreich. Wir fahren durch schroffe felsige Bergregionen, die sich mit lieblichen weiten grünen Ebenen abwechseln, bis Hasankeyf.
Um die wirtschaftliche Entwicklung in Ostanatolien voranzutreiben, wurde 2020 trotz massiver Proteste die 12.000 Jahre alte archäologisch wertvolle Stadt Hasankeyf geflutet, um an den Ufern des neu entstandenen Stausees die neue Retortenstadt Hasankeyf aufzubauen. Diese sieht auch leider nur in der Nacht schön aus, am Tag gleichen sich alle Häuser des Ortes wie ein Ei dem anderen. (Weils so hässlich war, haben wir Fotos ganz vergessen)
Weiter fahren wir durch diese schöne fruchtbare Landschaft mit ihren fleißig bestellten Äckern und grünen Wiesen am Flüsschen Bitlis Cayi entlang dem Van-See entgegen.
Der Van-See ist der größte See der Türkei und der größte Sodasee der Erde. Leider trocknet auch er durch den Klimawandel immer weiter aus und es verdunstet jedes Jahr dreimal so viel Wasser als vom Regen zurückkommt. An seinen Ufern verweilen wir ein paar Tage, freuen uns über die jetzt immer öfter scheinende Sonne. Ein bisschen Finetuning beim Theowald gibt’s wie immer natürlich auch noch. Und Joschi genießt.
Weiter durchs Hochland und den Ararat fast immer im Blick, wird die Landschaft wieder öfter weiß. Am Fuße des über 5000 m hohen schneebedeckten und leider etwas wolkenverhangenen ruhenden Vulkans machen wir noch einen Halt. Hunderte von Schafen weiden hier und Joschi hat wieder einige freundliche Begegnungen mit den Herdenschutzhunden, die ihre Schafe hier tapfer gegen Wölfe verteidigen. Fünf Tage muss man für die Besteigung des Vulkans rechnen. Da das Wetter aber dafür sowieso noch nicht mitmacht, fahren wir am nächsten Tag weiter.
Bei Kars ist für den mittlerweile völlig verdreckten Theowald Badetag angesagt und dann geht’s auf die letzte Etappe bis zur georgischen Grenze.
Wir fahren auf einem mit runden Berghügeln durchsetzten Plateau, immer so zwischen 1200 und 2000 m hoch. Die Landwirtschaft mit ihren fleißig bestellten Feldern, auf denen die Menschen noch mit Hand arbeiten, zieht sich durch die immer dünner besiedelte Region.
Nach Winterlandschaft, der letzten Moschee und den letzten türkischen Kühen verlassen wir die Türkei bei der Grenzstation Türkgözü und freuen uns auf Georgien.
Uscha Bachofer
Moserstraße 9
64285 Darmstadt
Telefon: [Telefonnummer auf Anfrage]
e-Mail: [email protected]
